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Wo man am wenigsten berechnet

Im Letzten wird im Evangelium dieser Woche deutlich, wie sich das Reich Gottes ausbreitet.

Evangelium

jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, umzukehren. Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das Geldstück findet? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir; ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte. Ich sage euch: Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.
Lukas 15,1–10

Österreich, August 2013. Zwei Wochen lang nehme ich an einem Kompakttraining zum Thema Gestalttherapie teil. Von 120 Lernenden bin ich die einzige Ordensfrau. Nach 14 Tagen intensiven Arbeitens in der Kleingruppe, in der nie das Wort Gott gefallen ist, bekomme ich in der Auswertungsrunde von einer Teilnehmerin rückgemeldet, dass durch mich Gott in den Tagen präsent gewesen sei, auch wenn sie mit ihm bisher nichts habe anfangen können.

Schweigen. Stille. Zustimmung der anderen. Ihre aufrichtigen und klaren Worte berühren mich sehr. Habe ich doch in diesen Tagen, mitten in einem säkularen Umfeld, tatsächlich sehr viel von der Kraft und Intensität der Gottesgegenwart in mir gespürt, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Dennoch scheint etwas spürbar und erfahrbar gewesen zu sein, dessen Wirkung mir nicht bewusst war.

Als ich nun das Evangelium gelesen habe, kam mir dieser Moment wieder in den Sinn. Menschen können etwas spüren von Gott in und durch andere Menschen und bleiben nicht unberührt zurück.

Wirkliche Begegnung hat Konsequenzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Menschen gläubig sind oder nicht, in der Kirche oder ausgetreten sind oder ob sie Sünder sind, so wie es im Schrifttext heißt. Jesus wendet sich vor allem jenen immer wieder zu, die nichts von Gott und seinem Reich wissen. Er macht dies in der Regel ganz unkompliziert, er sucht sie auf, spricht oder isst mit ihnen. Sie kommen aber auch von sich aus zu ihm, weil sie wohl bei ihm etwas wahrnehmen, das sie bisher nicht erfahren haben.

Wenn ich mir die Situation konkret vorstelle, so ist es wohl jene Grundakzeptanz, die Jesus in seinen Begegnungen spürbar signalisiert:

Du bist ein Kind Gottes und als solches liebenswert. Die Lebensführung der Menschen spielt für Jesus zunächst eine untergeordnete Rolle. Auf sie kommt er meist erst später zu sprechen.

Allerdings gibt es in der Runde auch Pharisäer und Schriftgelehrte, die darüber murren, wem sich Jesus da zuwendet. Er dagegen verurteilt auch die Fragenden nicht, sondern antwortet schlicht mit

einem Gleichnis über die Mühe, das Risiko und die Freude, wenn jemand etwas Verlorenes wieder gefunden hat. Er verwendet dieses alltägliche Bild, um zu veranschaulichen, wie sehr sich Gott um Menschen bemüht, die ihn, sich oder etwas in sich verloren haben. Es wird die Freude im Himmel über jene aufgezeigt, die etwas suchen, ohne es zu kennen, oder die umkehren, ohne den Weg zu sehen, nur geleitet von einem inneren Ange­zogensein. Ich bin tatsächlich überzeugt davon, dass Gott nichts mehr freut, als wenn Menschen, egal welchen Hintergrund sie haben, von etwas im Inneren berührt, sich neu auf den Weg machen, ihn zu suchen.

Im Letzten wird in diesem Evangelium deutlich, wie sich das Reich Gottes ausbreitet: in der ehrlichen Zuwendung von Mensch zu Mensch, im Vertrauen und Wissen, dass sich darin Gottes Name realisiert, wenn er von sich sagt: „Ich bin der ,Ich bin da'." Gott kann sich gerade auch dort, wo man es oft am wenigsten vermutet, mit einem menschlichen Gesicht zeigen und Verlorenem nachgehen.

Die Autorin („sr.birgit@oberzell.de") ist Oberzeller Franziskanerin, in der Generalleitung der Gemeinschaft, Noviziatsleiterin und geistliche Begleiterin.

Birgit Scheder