Wo Herzen sich öffnen
Andrea Seßler ist darum zügig mit ihrem Sohn Paul zu Kirche herübergefahren. Der Achtjährige kennt das Prozedere schon, bereits im vergangenen Jahr war er einer der Engel in der Ölberg-Andacht. Zwei der Senioren helfen dem Buben ins Kostüm, dann wird er auf einer Plattform festgeschnallt und wartet auf seinen Auftritt.
Bereits 1680 hatten die Franziskaner in ihrer Kirche in Dietfurt mit dem Ölbergspiel begonnen. Dass es noch heute erhalten ist und „die Höhen und Tiefen der Geschichte und das moderne Gedankengut der Kirche überdauert hat, das freut uns hier sehr“, schildert Anton Bachhuber, Mitglied der Arbeitsgruppe Ölberg-Andacht. Früher habe es in vielen bayerischen Kirchen geistig-religiöse Spiele gegeben, weiß er aus seinen Recherchen zu berichten. „Das Dietfurter Ölbergspiel gehört mit zu den wenigen, das bis in die Gegenwart überdauert hat.“ Selbst die alten barocken Melodien habe man hier erhalten. Die Ölberg-Andacht gilt als Nachfolger der sogenannten „Angst-Andacht“, die früher in der Stadtpfarrkirche St. Ägidius, in Nachbarschaft des Klosters, zur Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesu gehalten wurde. Die „Angst“, wie man sie allgemein nannte, wird schon 1486 in der Dietfurter Pfarrchronik erwähnt.
Vielfaches Räuspern und Schneuzen ist im Innern zu hören, die Besucher stehen dicht gedrängt. Die Fenster der Franziskanerkirche sind mit dunkelbauem Tuch verhangen, kaum ein Lichtschein dringt von außen herein.
Um 13 Uhr beginnt die Ölberg-Andacht an jedem Donnerstag der Fastenzeit (außer am Gründonnerstag); mit einem Rosenkranzgebet zuvor und der Fastenpredigt im Anschluss, die immer von einem anderen Geistlichen gehalten wird. Viele Besucher sind gekommen, weil an diesem ersten Ölberg-Donnerstag 2014 hoher Besuch erwartet wird: Eichstätts Bischof Gregor Maria Hanke, der vor zehn Jahren schon einmal als Prediger eingeladen war, wird sprechen. Damals war er noch Abt des Benediktinerklosters Plankstetten. Den Franziskanern von Dietfurt fühlt er sich verbunden und freut sich über die Einladung, die erste Fastenpredigt in diesem Jahr halten zu dürfen.
14 Uhr, die Ölberg-Andacht beginnt pünktlich. Das Altarbild des Hauptaltares wird hochgezogen, eine kleine Bühne wird sichtbar, deren Kulissen den Ölberggarten andeuten. Seitlich kniet der leidende Heiland, eine bewegliche Figur. Ihr leiht ein Dietfurter, der sogenannte „Christussänger“, seine Stimme. Karl Mayerhöfer singt die Passagen seit mehr als 35 Jahren. Zwar kenne er sie auswendig, wie er schmunzelnd verrät, aber auf seine alten Liederzettel – immerhin seit 1979 in Ehren gehalten und mit Tesafilm an den Rändern sorgfältig geschützt – mag er nicht verzichten. Da es hinter dem Altar leise zugehen muss, hat er sich bereits daheim eingesungen.
Der Kirchenraum ist nun stockdunkel – nur am Hochaltar brennen sechs lange Kerzen. Zu sehen ist die Jesusfigur. Acht Sänger des Dietfurter Männerchores stimmen das Eingangslied an. Danach beginnt Jesus das erste Mal zu singen, währenddessen senkt sich langsam das große, schwach beleuchtete Kreuz auf ihn herunter und drückt den Leidenden zu Boden. Nachdem es wieder empor gezogen ist, schwebt vom Himmel ein Engel herunter. Die Jesus-Figur richtet sich wieder auf und der Engel tröstet den Heiland mit seinem kindlichen Gesang.
Paul Seßler ist in der Schule für diese Rolle ausgesucht worden. Mit ihm haben drei weitere Jungen die Rolle inne und wechseln sich bei den Auftritten ab. Der Organist Max Bauer ist, seit er selbst als Kind den Engel spielen und singen durfte, für die Ausbildung der Buben zuständig. Ein Junge muss es sein, der sollte gut singen können und schwindelfrei sein.
Nach dem ersten Part wird der Engel wieder in den Himmel gezogen, es folgen – vorgetragen von einem Franziskaner des Klosters – Worte aus der Heiligen Schrift. Dazu gehören die Betrachtung des „ersten Falls“, Gebete und Fürbitten. Dann stimmt der Männerchor auf den zweiten Fall ein, bei dem Jesus vom Kreuz abermals zu Boden gedrückt und vom Engel des Himmels wieder singend getröstet wird. Beim dritten und letzten Fall lässt der kleine Engel Jesus aus einem Kelch trinken.
Der Würzburger Generalvikar Karl Hillenbrand war schon zweimal als Prediger in Dietfurt eingeladen; er hat die Ölberg-Andacht in beeindruckender Erinnerung behalten und erklärt sich den großen Zulauf an Gläubigen dort so: „Viel hängt von der Atmosphäre und von der Unmittelbarkeit des Geschehens ab. Auf elementare Weise wird das Geschehen, das Leiden Christi veranschaulicht. Auch ich habe bei meinen Predigten dort eine große, direkte Betroffenheit bei den Menschen gespürt. Vergleichbar ist das mit Passionsspielen.“
