Evangelium
In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken.
Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Sandalen auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand; und er wird seine Tenne reinigen und den Weizen in seine Scheune sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.
Matthäusevangelium 3,1–12
„Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein“, schreibt Jesaja in der Lesung zum Zweiten Advent. „Kuh und Bärin freunden sich an.“ Das soll wohl heißen: Alte Feinde – Hand in Hand. Ist das so, wenn ein Krieg endlich endet? War das so? Wird das jemals so sein?
Zeitzeugenberichte über das Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen vor allem von der Freude darüber, dass keine Bomben mehr fallen. „Plötzlich herrschte ungewohnte Stille. Der Fluglärm, die Bombenabwürfe, der Kanonendonner, die Geschosseinschläge, die seit Monaten zu unserem Alltag gehört hatten, hörten auf. Wir durften wieder im eigenen Bett schlafen“, schrieb etwa der frühere Ministerpräsident Bernhard Vogel zum 75. Jahrestag des Kriegsendes für das Portal faz.net. Noch etwas hat ihn beeindruckt: „Die Verdunkelung war aufgehoben. Zum ersten Mal sah ich mit Bewusstsein eine von elektrischem Licht erleuchtete Stadt. Ein für mich damals unglaublicher Anblick, den ich bis heute nicht vergessen habe.“ Wenn Friede bedeutet, dass nach langer Dunkelheit Licht in die Welt kommt, hat Bernhard Vogel das so erlebt.
Sein älterer Bruder Hans-Jochen war bei Kriegsende in Gefangenschaft: Im April 1945 war er mit anderen von italienischen Partisanen aufgegriffen und an die Amerikaner überstellt worden, an den Feind. Vogel schreibt: „Die Übergabe fand auf einem Friedhof statt, was uns erst beunruhigte. Die Amerikaner – unter ihnen viele Farbige – haben uns aber freundlich behandelt.“ Was nicht wenig war.
An Freundschaftwar nicht zu denken
Weil Vogel Englisch konnte, wurde er beauftragt, täglich die amerikanische Armeezeitung „Stars and Stripes“ zu lesen und einige Meldungen ins Deutsche übersetzt im Lager auszuhängen. Am 9. Mai 1945 auch die vom Kriegsende. Zwar herrschte, schreibt er, „Erleichterung darüber, dass nun das Töten und vor allem auch die Luftangriffe ein Ende hatten“. Überlagert wurde das aber „von dem Gefühl der totalen Niederlage und des völligen Ausgeliefertseins. Uns beschlich die Vorstellung, dass wir wohl lange Jahre Gefangene bleiben würden, um das wiedergutzumachen, was wir Deutsche in Europa an schlimmen Zerstörungen angerichtet hatten.“ Dass „Kuh und Bärin“, dass Deutsche und Amerikaner, Franzosen, Briten sich anfreunden könnten, das überstieg wohl die damalige Vorstellungskraft.
Und heute?
Joni Dib (44) ist griechisch-orthodoxer Christ. Als in seiner syrischen Heimatstadt Latakia Bomben einschlugen und die Lebensgefahr immer größer wurde, floh er nach Deutschland, im November 2015 war das. Damals endeten für ihn der Krieg und die Angst zu sterben. Bald konnte auch seine Frau mit seinem ältesten Sohn nachkommen. Er sagt: „Wenn Frieden herrscht, gibt es keine Grenzen mehr zwischen den Menschen. Dann können wir unsere Überzeugungen so ausleben, wie wir es möchten, und dabei diejenigen respektieren, die mit uns dasselbe Land teilen.“ Andere zu respektieren, unabhängig von ihren Überzeugungen, sei das Wichtigste.
So erlebt es Dib in Deutschland. Er ist angekommen. Mit seiner Familie wohnt er in Leipzig, er und seine Frau sind berufstätig, die Kinder gehen zur Schule. „Es ist ein großer Segen von Jesus Christus, dass wir hier leben dürfen“, sagt Dib. „Jesus hat uns Gutes geschenkt. Ihm haben wir die deutsche Staatsangehörigkeit zu verdanken.“ Er genießt es, dass er Freunde treffen kann, dass er in der Stadt unterwegs sein kann ohne Lebensgefahr, dass er zu Kulturveranstaltungen und zu seiner christlichen Gemeinde gehen kann. Frieden bedeutet für ihn Sicherheit und Freiheit.
Wie Fremde im eigenen Land
Und was ist mit der Freundschaft zu den Feinden? Angeblich soll ja auch in Syrien Frieden herrschen. Dib hört da Anderes. Seine Schwester und sein Vater, die noch in Syrien leben, erzählen, dass die Christen dort ihren Glauben verbergen müssten. „Sie haben Angst, in der Öffentlichkeit ein Kreuz zu tragen, besonders in muslimischen Vierteln, oder christliche Bücher in öffentlichen Buchhandlungen zu kaufen“, sagt er. Der Krieg ist für ihn nicht einfach vorbei. Er hat tiefe Gräben zwischen Alawiten, Sunniten, Schiiten und Christen hinterlassen. Unter der neuen Regierung fürchten jetzt die Minderheiten um ihre Rechte. Als Christen fühlten sich seine Angehörigen „in ihrem eigenen Land wie Fremde“, sagt Dib.
Egal ob nach dem Zweiten Weltkrieg, in Syrien oder irgendwann einmal in der Ukraine: Bis zur Freundschaft mit alten Feinden dauert es lange, sehr lange. Da braucht es viel guten Willen und viel Glauben an das Gute im Anderen. Jesaja wusste das, er war nicht naiv. Im Gegenteil: Echter Friede, glaubte er, ist Gottes Werk.
Ja, vielleicht ist echter Friede, echte Freundschaft zwischen alten Feinden sogar nur in Gottes Reich möglich. „Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg“, heißt es in der Lesung. Was aber nicht bedeutet, dass wir Gottes Auftrag an uns vernachlässigen dürften: Schritte des Friedens zu gehen, wo immer es möglich ist. Und dass viel möglich ist, haben die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt. Gott sei Dank.
Susanne Haverkamp und Barbara Dreiling
Zur Person
Joni Dib lebt mit seiner Familie in Leipzig. Er stammt aus Latakia in Syrien. Sein Vater und seine Schwestern leben noch dort.

