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Wachsam zu jeder Jahreszeit

Selig, die der Herr wach findet, wenn er kommt. Wachsamkeit kennt eben keine Tages-, Jahres- oder Lebenszeit.

Evangelium

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Legt euren Gürtel nicht ab, und lasst eure Lampen brennen! Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft. Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt. Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen. Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie. Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht. Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.   Lukas 12,35–40   Wachsamkeit kennt keine Jahreszeit. Wenn ich im Straßenverkehr nicht aufpasse, werde ich überfahren, sei es im Sommer oder im Winter. Und wenn ich nicht auf Uhr und Kalender achte, versäume ich meine Termine im Frühjahr oder im Herbst und eine Begegnung, ein Auftrag oder Geschäft kommt nicht zustande. Wenn ich nicht aufmerksam bin und in den Tag hinein lebe, verpasse ich Wichtiges. Ich verpasse das Leben selbst, und zwar Leben in seiner ganzen Dimension, Leben bis zum Tod, bis zur Wiederkunft des Herrn und darüber hinaus. Oder spielt der Glaubenssatz, dass Jesus sein Wiederkommen angekündigt hat, bei mir keine Rolle mehr?   Das hat noch Zeit. Ein apokalyptisches Weltende deutet sich nicht an und mir geht es gut, kann ich denken. Ja, die Alten, für die ist das dran. Aber sind wirklich nur die Alten und Todkranken von der Wiederkehr des Herrn betroffen? Vielleicht klingt das „Du, Narr, noch in dieser Nacht ...“ vom vergangenen Sonntag noch in den Ohren. Von einem hohen Alter oder gefährdeten Gesundheitszustand des Kornbauern war dort nicht die Rede. Wenn jemand überraschend stirbt, dann höre ich häufig: „Der hatte einen schönen Tod.“ Woher wissen wir das? Wollen wir uns nur beruhigen, da es uns ebenso ergehen kann?   Im Mittelalter fürchteten die Menschen den plötzlichen Tod und suchten ihre Zuflucht zu Bildern des heiligen Christophorus, die sie riesig groß an Kirchen und Kapellen malten wie in Volkach oder Amorbach. Der Blick auf den Christusträger sollte sie vor einem unvorbereiteten, verschlafenen Tod bewahren. Ein wenig Mittelalter lebt heute noch in den Christophorusplaketten in unseren Autos weiter. Sind diese mir Einladung, an die Begrenztheit meines Daseins zu denken? Sind sie mir Anstoß zu Wachsamkeit und zu einem achtsamen Leben?   Bei plötzlichen Todesfällen sehen wir meist nur die Trauer der Hinterbliebenen: die weinenden Mütter, die ratlosen Freunde, die fassungslosen Verwandten. Ihren Worten können wir entnehmen, wie sehr sie sich wünschten, wenigstens Abschied genommen zu haben, versöhnt und in Frieden auseinandergegangen zu sein.   Natürlich kann ich nicht leben, ständig den Tod erwartend. Aber ich kann in dem Bewusstsein leben, es könnte heute der Tag sein, an dem für mich die Ewigkeit anbricht, an dem ich Jesus direkt begegnen werde.   Vor einigen Wochen berichtete die Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ über ein Interview, das der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering dem „Evangelischen Pressedienst“ über die Begleitung seiner an Krebs leidenden Frau gegeben hatte. Müntefering erzählte vom Abschiednehmen, Zeithaben, Dabeisitzen und Handhalten und deutete an, wie wichtig ihm das geworden ist.   Auf die Frage nach seinem eigenen Sterben sagte er: „Wenn Sie mich vor dreißig Jahren gefragt hätten, hätte ich gesagt: ... ich würde mir wünschen, ich kippe um und bin tot. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß, dass Schmerzen reduzierbar sind ... ich würde mir wünschen, dass ich ... Zeit habe, mich darauf einzustellen ... dass ich sehenden Auges das letzte Stück Weg gehen kann.“ Das sagt der gläubige Katholik Franz Münte­fering.   Selig, die der Herr wach findet, wenn er kommt. Wachsamkeit kennt eben keine Tages-, Jahres- oder Lebenszeit. Der Autor („rudolf.reuter@bistum-wuerzburg.de“) ist Diakon in der Pfarreiengemeinschaft Grabfeldbrücke und Altenseelsorger für das Dekanat Bad Neustadt.