Pilgern sei für ihn eine Zeit des Loslassens, sagt Erwin Drachenberg. Er sitzt am Frühstückstisch im Erdgeschoss des Alten Pfarrhauses in Binsbach (Dekanat Karlstadt). Der 60-Jährige und sein Sohn Nicolas Schmitt sind als Pilger zu Gast. Das Haus ist schon über mehrere Jahre als Pilgerherberge genutzt worden. Doch nachdem der Förderkreis „Altes Pfarrhaus Binsbach“ das Haus von der Diözese gekauft und einer umfassenden Sanierung unterzogen hat, ist es nun offiziell zur Pilgerherberge und zum Besinnungshaus umgebaut und geweiht worden.
Die beiden Gäste sind auf dem Unterfränkischen Jakobusweg unterwegs, der im Jahr 2000 vom Schweinfurter Pfarrer Roland Breitenbach initiiert wurde und an dem das einstige Pfarrhaus von Binsbach liegt. Das Ziel der beiden Pilger ist Rothenburg ob der Tauber. Am Vortag haben sie, zu Fuß von Schweinfurt kommend, auf der Suche nach einer Unterkunft zufällig vor der Binsbacher Kirche – die dem heiligen Jakobus d. Ä. geweiht ist – den Hausherrn der Pilgerherberge, Arno Issing, getroffen. Erwin Drachenberg gefällt es in der Herberge: „Sie ist wirklich sehr schön geworden.“ Er schätzt die hohe Qualität und die Schlichtheit des Haues.
Arno Issing, der mit seiner Frau Angelika die Pilgerherberge betreut, freut sich, dass sich die Gäste so wohlfühlen. Schließlich war er maßgeblich daran beteiligt, dass das Alte Pfarrhaus zu einer richtigen Pilgerherberge umgebaut wurde. Das Haus stammt aus dem Jahr 1924. Der letzte Pfarrer, der in dem Pfarrhaus wohnte, war Kurator Karl Geuppert. Seit dessen Tod 1962 hatte Binsbach keinen eigenen Ortsgeistlichen mehr. Dennoch gebe es in Binsbach ein „reges kirchliches Leben“, sagt Issing, der lange Jahre Pfarrgemeinderatsvorsitzender in Binsbach war. Die Schwester des Kurators, die auch Pfarrhaushälterin war, lebte nach desses Tod weiterhin im Pfarrhaus, bis sie 2005 verstarb. Die Zukunft des Hauses, das schon damals als Pilgerherberge diente, war ungewiss. Weder die Diözese noch die politische Gemeinde wollten Betreiber des Hauses sein; der Abriss drohte.
Viel ehrenamtliche Arbeit
Unter der Leitung von Issing haben sich aus diesem Grund im November 2009 rund 50 engagierte Binsbacher Bürger zusammengeschlossen und den Verein „Förderkreis Altes Pfarrhaus Binsbach“ gegründet, der 2010 ins Vereinsregister eingetragen wurde. Im selben Jahr kaufte der Verein das Haus von der Diözese, um es umfassend umzubauen und zu renovieren. Nachdem die Finanzierung organisiert war, erfolgte im April 2012 der Spatenstich. Als die Pfarrei schließlich in diesem Juli ihr Patrozinium feierte, weihte Weihbischof Ulrich Boom das Haus zur Pilgerherberge. Die Kosten für den rund 300000 Euro teuren Umbau trugen neben dem Förderverein selbst auch die Diözese, die politische Gemeinde, die fränkische Jakobusgesellschaft, die Lokale Aktionsgruppe Wein, Wald, Wasser sowie die Caritas. Einen großen Zuschuss erhielt der Verein auch aus dem Leader-Plus-Fördertopf der Europäischen Union. Dazu kamen noch mehrere große und zahlreiche kleinere Privatspenden.
Entscheidend für das Gelingen des Projektes sei nach Issings Worten das „beispiellose Engagement der Dorfgemeinschaft“ von Binsbach und Umgebung gewesen. Viele Bürger hätten sich ehrenamtlich engagiert und eine Fülle von Ideen in die Umgestaltung eingebracht. In vielen Stunden ehrenamtlicher Arbeit und mit einer Fülle an Ideen hätten die Umgestaltung so verwirklicht werden können.
Aufwendiger Umbau
Wichtig war dem „Förderkreis Altes Pfarrhaus Binsbach“ die Vergabe der Arbeiten an ortsansässige Firmen. Die Zusammenarbeit habe sehr gut funktioniert, lobt Architekt Elmar Schneider aus Binsbach. Der Altbau ist komplett entkernt worden, erzählt Arno Issing. Außerdem sind mehrere kleine Räume zu einem großen Gemeinschaftsraum zusammengefasst worden. Der Haupteingang und das Treppenhaus sind verlegt worden, das Nebengebäude wurde abgerissen und an seiner Stelle der Versorgungsbereich neu errichtet. Die Aufteilung der Räume entspricht der Nutzung als Pilgerherberge und zusätzlich als Gemeinde- und Besinnungshaus. Beide Bereiche sind räumlich getrennt. So befindet sich im Erdgeschoss der Gemeindebereich, zu dem ein großer Gemeinschaftsraum, die Küche, zwei Toiletten – eine davon ist behindertengerecht – und ein Gruppenraum gehören, in dem derzeit gerade eine kleine Bibliothek eingerichtet wird. Im Obergeschoss befindet sich der Pilgerbereich mit drei Übernachtungsräumen, einem Sanitärbereich und einem großen Gemeinschaftsraum. Vom alten Inventar sind ein paar Stücke – etwa eine nostalgische Garderobe – ins neue Ambiente integriert worden.
Viele Gruppen im Haus
Erfahrungsgemäß übernachten im Jahr 50 bis 70 Pilger im Alten Pfarrhaus, an dessen Außenmauer das Emblem des Jakobswegs, die Jakobsmuschel, seine neue Funktion als Herberge anschaulich macht und die Pilger zum Übernachten einlädt; das Muschel-Relief schuf Josef Greß aus dem Arnsteiner Ortsteil Gänheim. Die pfarrgemeindlichen Gruppenräume können von Ministranten und anderen kirchlichen Gruppen genutzt werden. Issing kann sich gut vorstellen, dass hier kirchliche Erwachsenenbildung angeboten wird. Einmal im Jahr sei die Herberge so voll, dass der Gruppenraum im Obergeschoss komplett zum Schlafen benutzt wird, erzählt Issing. Nämlich dann, wenn die Kreuzberg-Wallfahrer zu Gast sind.
Kontakt
Wer als Pilger in der Pilgerherberge in Binsbach übernachten will, kann sich telefonisch an Arno Issing unter 09363/5651 wenden. Unter „www.pfarrhaus-binsbach.de“ gibt es ein Anmeldeformular sowie weitere Informationen. Übernachtungen werden auf Spendenbasisi abgerechnet; die Höhe kann jeder Gast selbst bestimmen.
Frank Kupke