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Verzichten und frei sein

Im heutigen Evangelium ruft Jesus uns Christen in seiner Nachfolge zum Verzicht auf. Tun das nun nur Ordensleute und Priester? Nein. Wir alle verzichten täglich ziemlich oft, ohne es wirklich zu merken.

Evangelium

In jener Zeit, als viele Menschen Jesus begleiteten, wandte er sich an sie und sagte: Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden. Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.
Lukas 14,25–33

März 1993. Mein Vater, meine Stiefmutter und ich sitzen bei uns in der Küche. Es geht um mich. Ich erzähle ihnen, dass ich entschieden habe, bei den Oberzeller Franziskanerinnen einzutreten. Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann setzte sich mein Vater zu mir auf die Küchenbank, nahm mich in den Arm und sagte, dass ich gehen soll, wenn ich es für richtig halte. Ich könne jederzeit wiederkommen, die Leute im Dorf solle ich reden lassen. Mehr Worte waren nicht nötig.

Diese Entscheidung war ein bewusst gewählter Verzicht, dem ein mehrjähriger Prozess vorausging. Kloster Oberzell kannte ich durch Besinnungs- und Jugendtage, Assisifahrten und die geistliche Begleitung bei Schwester Diethelma Conze. Im geistlich begleiteten Entscheidungsprozess habe ich mir Zeit genommen, Motive, Wünsche und Vorstellungen der Lebensformen abzuwägen. Partnerschaft und Familie standen dem Ordensleben gegenüber. Mit der Zeit wuchs die innere Gewissheit, dass mein Glück, für mich in einer Gemeinschaft, speziell in Oberzell zu finden ist. Damit habe ich eine Wahl getroffen und auf alle anderen Optionen verzichtet.

Im heutigen Evangelium ruft Jesus uns Christen in seiner Nachfolge zum Verzicht auf. Tun das nun nur Ordensleute und Priester? Nein. Wir alle verzichten täglich ziemlich oft, ohne es wirklich zu merken. Bei jeder Entscheidung, die wir fällen, ob sie groß ist oder klein, ob sie leicht fällt oder schwer, sagen wir Ja zu dem, was wir wählen, und Nein zu dem, was wir ablehnen – damit verzichten wir. Wählen und entscheiden heißt ganz automatisch verzichten. Es ist Ausdruck von Selbstdisziplin und Selbstverwirklichung, weil wir uns in der getroffenen Wahl ganz individuell begrenzen und einschränken, uns aber für das unserer Meinung nach Beste entscheiden.

Mit dem Eintritt in Oberzell begann alles, was mit Verzichten zu tun hat: Wohnung, Auto, mein Studentenleben und das Bankkonto aufgeben. Viele haben mich bedauert. Ich selbst konnte es aber kaum erwarten, endlich leben zu können, was ich mir von Herzen gewünscht habe.

In der Regel definieren wir Verzicht leider über den Mangel. Im Verzichten entscheiden wir uns aber vor allem für etwas. Wir entscheiden uns für diese Frau oder jenen Mann, für diese Wohnung oder jenes neue Auto, für jene Arbeitsstelle oder genau diesen Urlaubsort und damit gegen alle anderen Möglichkeiten.

Geht es uns schlecht dabei? Ich hoffe nicht, weil wir verzichten und darin wählen! Wir wägen die Mittel ab und unsere Möglichkeiten und in diesem Klärungsprozess entscheiden und verzichten wir. So wie es im Evanglium in verständlichen Bildern der damaligen Zeit umschrieben ist. Wie frei macht doch diese Sichtweise auf den Verzicht! Finden Sie nicht auch?

Selbst wenn in einem Verzicht eine Prise Wehmut liegt, ist er eine Einladung an uns, die Herausforderung des Neuen, des Lebens anzunehmen. Wenn Jesus uns Christen in der Nachfolge zum Verzicht aufruft, lädt er ein, bewusst zu wählen und zu entscheiden, Herausforderungen anzugehen und sich dem Neuen zu stellen, einem bewusst gewählten Leben. Leben in Fülle ist uns von Jesus verheißen!

Die Autorin („sr.birgit@oberzell.de") ist Oberzeller Franziskanerin, in der Generalleitung der Gemeinschaft, Noviziatsleiterin und geistliche Begleiterin.

Schwester Birgit Scheder