Dabei wäre er auch ohne die Erinnerungsmail des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zur Blutspende gegangen, wie schon seit seiner Studienzeit. „Als Zivi im Krankenhaus hab ich gesehen, wie wichtig das ist“, sagt der Werbefachmann. In Familie und Bekanntenkreis ist er allerdings der einzige Blutspender. „Ich mache das für die andern mit“, schmunzelt er, während er auf seinen Aderlass wartet.
Rund 38000 Blutspendetermine organisiert das DRK bundesweit pro Jahr, denn ohne Blut läuft in der Versorgung von Unfallopfern, chronisch kranken und schwerkranken Menschen gar nichts. Viele der Termine finden in Schulen, Pfarrzentren, Vereinsheimen oder Feuerwehrhäusern statt; bei anderen, wie an diesem Tag in Bonn, kommt das Team mit dem Blutspendemobil in die Innenstädte.
Check-up vor Beginn
Auf einer der sieben roten Spender-Liegen in dem Spezialfahrzeug wird Christoph Koch gleich knapp einen halben Liter von seinem Blut abgeben. Zuvor hat ihm Teamhelfer Mirza Cakic vorsichtig ins Ohr gepiekst: Kochs Eisenwert ist in Ordnung, wie die Untersuchung des Blutstropfens zeigt, auch Fieber hat er keins. Nebenan im „Arztraum“ ist Dr. Hartmut Mösges mit Kochs Blutdruck ebenfalls zufrieden; nach einem kurzen Anamnesegespräch kann Koch gleich an die Nadel. Mösges selbst ist bereits seit 41 Jahren für den DRK-Blutspendedienst West im Einsatz – neben seiner Arbeit als Hautarzt und Allergologe. „Man hat hier mit gesunden Menschen zu tun“, sagt er trocken. „Und man kommt viel rum.“
Auf dem begrenzten Raum im Spendemobil mit dem kleinen, offenen Labor müssen die Abläufe sitzen. „Rechts oder links?“, lautet die Standardfrage von Annette Strehlau und Martin Müller, die als „Punktionskräfte“ die Blutabnahme durchführen. Denn oft haben die Spendewilligen eine Schokoladenseite – was die Armvenen betrifft. Hat man auf der erstaunlich bequemen Liege Platz genommen, fragen Strehlau oder Müller zur Sicherheit noch einmal nach dem Namen, desinfizieren die Armbeuge, legen die Blutdruckmanschette an und führen die Nadel, die mit dem Blutbeutel verbunden ist, in die Vene ein. Nun rinnt das Blut durch den feinen Schlauch. Und während der Beutel sachte hin- und hergewiegt wird, um die Blutgerinnung zu unterbinden, hat der Spender ein paar Minuten Ruhe. „Man sollte dabei den Kopf ausschalten, entspannen und an was Schönes denken“, empfiehlt Stefanie Berg, Organisationsreferentin beim DRK-Blutspendedienst West.
Vor Ort stehen an diesem Tag sechs Ehrenamtliche bereit, die sich um den reibungslosen Ablauf kümmern – und vor allem um die Spendewilligen selbst. Stefanie Berg: „Die Leute sollen sich in guten Händen wissen.“ Das kann Spenderin Julia Caballo aus langer Erfahrung bestätigen: „Schon meine Mutter hat Blut gespendet, ich kenne das praktisch von Kindesbeinen an“, sagt die Frau mit der modischen Brille und den Tattoos auf den Armen. Lediglich nach den Tätowierungen musste sie vier Monate lang aussetzen – so verlangen es die Sicherheitsvorgaben im Anamneseformular, das jeder und jede vor der Spende unterschreiben muss. Es enthält unter anderem die Frage nach schweren Erkrankungen, der letzten Antibiotika-Einnahme, Magen- oder Darmspiegelung sowie Aufenthalte etwa in Malariaregionen. Warum Julia Caballo überhaupt spendet? „Es kann ja jeder in die Situation kommen, Blut zu brauchen“, sagt die PR-Referentin schlicht. Eine andere Spenderin berichtet von einem dramatischen „Aha-Erlebnis“: dem Motorradunfall ihrer Schwester mit Mitte 20 – Leberriss, Intensivstation, OP. Aus Hilflosigkeit dann die spontane Idee, Blut zu spenden, auch um das quälende Warten zu überbrücken. Erst dabei erfuhr sie, dass beide Schwestern Blutgruppe A-negativ haben. Und so steht es bis heute in den Spenderausweisen – von beiden, wie die Frau erzählt. Unterdessen kommt Ehrenamtskraft Doris Vogt ins Mobil: „Ich brauche englischsprachige Formulare.“ Mit routiniertem Griff holt Annette Strehlau die Bögen aus einem der vielen Einbaufächer. Doris Vogt steigt nun wieder die sieben etwas wackligen Stufen hinunter. Die Arbeit im Bonner DRK-Ehrenamtsteam, wo sie seit ihrem Ruhestand 2020 ein- bis zweimal die Woche im Einsatz ist, macht ihr sehr viel Freude. „Das ist eine tolle Aufgabe, denn wir haben ein sehr schönes Zusammenspiel im Team, außerdem liebe ich den Kontakt mit Menschen“, erzählt die Frau mit den silbergrauen Haaren, während sie die Formulare auf einen Biertisch vor dem Spendemobil legt. Englischsprachige Anamnesebögen sowie Infoflyer auf Arabisch werden immer häufiger gebraucht, sagt Vogt, denn viele der Spendewilligen haben ausländische Wurzeln. Etwa der 25-jährige Erstspender, der zwar Angst vor Spritzen hat, aber doch so gerne anderen Menschen helfen möchte, wie er in gebrochenem Deutsch erzählt.
Einfach Leben retten
An diesem Sommertag gibt es viele „Spontanspender“, was auch dem Standort in der Fußgängerzone zu verdanken ist. Und vielleicht auch Svenja Nehrkorn, diesmal als „Spenderlotsin“ eingeteilt. „Da ich nicht sofort eine Stelle als Grundschullehrerin gefunden habe, wollte ich etwas fü̈r die Allgemeinheit tun“, berichtet die 29-Jährige, die Passanten lächelnd Flyer entgegenhält. Damit ü̈berzeugt sie auch René (23), der mit seinem Kumpel Dalmus und dessen neunjähriger Tochter Lia durch die Stadt schlendert. „Ich wollte mich schon ewig dafü̈r anmelden, auch weil mein Kumpel immer Blut spendet“, sagt René. „Man kann doch so einfach Leben retten.“ Am Ende sind es 23 Menschen, die sich noch kurzfristig fü̈rs Lebenretten entschieden haben, zusätzlich zu den 43 Angemeldeten. Und das trotz des ordentlichen Sommerregens zwischendurch. Doris Vogt: „Wenn man Spender werben will, muss man mit ihnen sprechen, dann sind viele bereit dazu.“
Gratis-Stärkung
Geld gibt es bei den DRK-Blutspendeterminen zwar nicht, aber immer einen Imbiss zur Stärkung nach dem Aderlass. Seit Corona ist es mit den liebevoll organisierten Büfetts größtenteils vorbei, vielerorts behelfen sich die Teams etwa mit Lunchtüten. In Bonn werden die Spender und Spenderinnen an diesem Tag in einem nahe gelegenen Cafe verpflegt. Die rund 120 Meter vom Spendemobil dorthin legen die Frischgeschröpften allerdings immer in Begleitung von Doris Vogt, Valeria Reichertz, Gerta Göddertz oder einer anderen aus dem Freiwilligen-Team zurück. Schließlich könnte ihnen unterwegs doch noch schwindlig werden.
Und während die Spender sich an Kaffee oder Tee, belegten Brötchen oder Laugenbrezeln laben, ist ihr Blut schon fast auf dem Weg ins Zentrallabor in Hagen. Dort wird es auf Infektionskrankheiten wie Hepatitis, Syphilis, HIV oder andere Erreger getestet, zentrifugiert und in seine Bestandteile Erythrozyten, Thrombozyten und Plasma aufgeteilt. Auf diese Weise entstehen aus einer einzigen Spende verschiedene Blutpräparate, von denen drei bis fü̈nf Menschen profitieren können. „Vielen Dank, dass Sie geholfen haben, Leben zu retten!“, meldet sich das Deutsche Rote Kreuz schon am nächsten Tag per Mail. „Wir hoffen, dass Sie sich nach der Blutspende gesund fü̈hlen und freuen uns, Sie nach Ablauf der Sperrfrist von 56 Tagen bei der nächsten Blutspende in Ihrer Nähe wieder begrüßen zu dürfen!“ Denn so viel steht fest: Nach der Spende ist vor der Spende.
Sabine Kleyboldt/KNA