Evangelium
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie es in den Tagen des Noach war, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein. Wie die Menschen in den Tagen vor der Flut aßen und tranken und heirateten, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein. Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die mit derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht. Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. Matthäus 24,37–44Als Jugendlicher haben mich die Western- und andere Helden fasziniert, die rund um die Uhr wachsam waren und, selbst wenn sie schliefen, bei drohender Gefahr sofort aufwachten. Mit Enttäuschung musste ich allerdings feststellen, dass ich nachts so fest schlief, dass ich selbst heftigste Gewitter restlos verschlief. Im Blick auf die Mahnung des heutigen Evangeliums „Seid also wachsam!“ würde ich wohl genauso wie der „Herr des Hauses“ im Gleichnis den „Einbruch“ des „Diebes“ verschlafen. Kann das gemeint sein, wenn es darum geht, sich für die Wiederkunft des Menschensohnes Jesus Christus „bereitzuhalten“? Der Handlungsimpuls des Gleichnisses zielt weniger auf die Nacht, als vielmehr auf unser Alltagsleben. Uns für Jesus und sein Ankommen bereitzuhalten – nicht umsonst ist diese Bibelstelle an den Anfang des Advents gestellt – geschieht im ganz normalen Alltag. In der Beschreibung, wie es denn sein wird „in jenen Tagen“, werden zunächst ganz normale und völlig unverdächtige Alltagsaktivitäten wie Essen, Trinken, Arbeiten genannt, aus denen wir herausgerissen werden. Will ich wissen, wie ich als Christ in rechter Weise leben soll, dann lässt mich dieses Evangelium ziemlich ratlos dastehen. Um konkrete Hinweise zu erhalten, muss ich entweder die Lesungen hernehmen oder im Evangelium einige Zeilen weiterlesen. Paulus zum Beispiel spricht im Römerbrief von „maßlosem“ Essen und Trinken und anderen „Werken der Finsternis“, die wir ablegen sollen. Leider werden die „Waffen des Lichts“ an dieser Stelle in keinster Weise positiv erwähnt und müssen aus dem Gegenteil von „Unzucht und Ausschweifung“ oder „Streit und Eifersucht“ erschlossen werden. Der Prophet Jesaja weist positiv die Richtung, in die unser Alltag umgestaltet werden muss, damit wir letztlich bei Jesu Wiederkunft bestehen können: Schwerter zu Pflugscharen und Lanzen zu Winzermessern umwandeln, Kriegsgerät in Werkzeug, das dem Erwerb des für das Leben Notwendigen dient, in Werkzeug, das Lebenskultur erzeugt. Das Evangelium selbst legt uns etwas später noch den rechten Umgang mit unseren Mitmenschen und mit den uns anvertrauten Talenten nahe. Die rechte Ausgestaltung unseres Lebensalltags ist entscheidend für die Begegnung mit Jesus bei seiner Wiederkunft. Wann diese Ankunft des Menschensohnes genau sein wird, ist damit aber noch nicht geklärt. Der Evangelist Matthäus hat sicher an das Weltenende gedacht. Schon früh in der Kirchengeschichte aber wurde der Tod des Menschen als eine erste Ankunft des Menschensohnes gesehen. Da kein Mensch wissen kann, wann genau er sterben wird, hat die Mahnung „Seid also wachsam“ einen für jedermann leicht nachvollziehbaren Lebensbezug. Die Rechenschaft, die wir dann als Christen ablegen müssen, wird nicht dadurch besser, dass wir im entscheidenden Moment, sprich dem Moment unseres Todes, „wach“ waren. „Wach sein“ ist gelebter Alltag im Sinne Jesu Christi. Ich muss nicht wie ein von Angst und Vorsicht zerfressener Westernheld ständig wachsam und auf der Hut sein vor irgendwelchen Gefahren. Nein, ich darf – in Anlehnung an ein weises Wort von Theresa von Ávila – sagen: „Wenn ich wache, dann wache ich, wenn ich schlafe, dann schlafe ich.“ Der Autor („wolfgang.pfeifer@bistum-wuerzburg.de“) ist Pastoralreferent in der Pfarreiengemeinschaft St. Georg Karlstadt.
