Im Jahr 2010 erschütterten Berichte über sexuellen Missbrauch unter anderem am Berliner Canisius-Kolleg die katholische Kirche. 2014 gaben die deutschen Diözesen deshalb ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland in Auftrag, das von Wissenschaftlern in Mannheim, Heidelberg und Gießen bearbeitet wurde, daher der Name MHG-Studie. Als Reaktion darauf wurde der Reformprozess „Synodaler Weg“ von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) initiiert. Darüber hat das Würzburger katholische Sonntagsblatt mit dem Würzburger Bischof Dr. Franz Jung gesprochen.
Herr Bischof Jung, was sollte mit dem Synodalen Weg erreicht werden?
Nach der Veröffentlichung der MHG-Studie 2018 beschloss die Deutsche Bischofskonferenz bei der Frühjahrsvollversammlung 2019, gemeinsam mit dem ZdK über die notwendigen Konsequenzen aus der Studie zu beraten. Anstatt eine Nationalsynode abzuhalten, verständigte man sich auf den „Synodalen Weg“, ein neues Format, bei dem in einem überschaubaren Zeitraum eine strukturierte Debatte ermöglicht werden sollte zu der bedrängenden Frage: Wie kann Missbrauch in der Kirche künftig verhindert werden? Vier Themenkomplexe wurden identifiziert, die sich in den vier Foren des Synodalen Wegs niederschlugen: „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“, „Priesterliche Existenz heute“, „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ und „Leben in gelingenden Beziehungen“. Ein Ziel war auch, diese synodale Arbeitsweise auf Dauer zu stellen in einem künftigen „Synodalen Rat“ oder der „Synodalkonferenz“, wie das gemeinsame Beratungsgremium von DBK und ZdK nach Rücksprache mit Rom jetzt heißt.
Wir sprechen oft von Synodalität. Was bedeutet das eigentlich?
Es gibt keine feste Definition von Synodalität. Synodal heißt zunächst einmal, gemeinsam einen Weg zu gehen. Es wird also nicht einsam entschieden, sondern Entscheidungen sind immer rückgebunden an eine qualifizierte Beratung. Dazu hat die Weltsynode bestimmte Elemente formuliert. Wir haben versucht, diese in eine Satzung zu gießen, um für die Zukunft festzuhalten: Die Deutsche Bischofskonferenz entscheidet nicht im Alleingang, sondern hört auch die Vertretung der Laien, um zu guten Entscheidungen zu kommen, die alle mittragen können.
Was ist seit der letzten Synodalversammlung passiert?
Ganz viel: Auf Ebene der Weltkirche hat Papst Franziskus eine Synode angestoßen zum Thema Synodalität. Gleichzeitig haben wir auch beim Synodalen Weg über die Zukunft dieses Beratungsformats diskutiert. Es ist ein Übungsweg, den wir momentan reflektieren. Bei der nun anstehenden sechsten Synodalversammlung wollen wir das alles zusammentragen. Die Jahre nach der fünften Synodalversammlung 2023 waren geprägt von dem Bemühen im sogenannten Synodalen Ausschuss, einen Synodalen Rat vorzubereiten, also ein synodales Gremium auf nationaler Ebene. Wir haben – nach enger Rücksprache mit den Behörden im Vatikan – dazu einen Satzungsentwurf erarbeitet, den das ZdK bereits gebilligt hat. Bei der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe hier in Würzburg soll dann auch die Bischofskonferenz diesem Synodalen Rat oder der „Synodalkonferenz“, wie das Gremium nach Rücksprache mit Rom jetzt heißt, zustimmen. Dann wird das Ganze abschließend dem Vatikan zur Rekognoszierung vorgelegt, also zur abschließenden Prüfung und Billigung.
Es ist ja bekannt, dass sich mehrere Bischöfe nicht beteiligen. Was ist trotzdem möglich?
Das ist jetzt sehr spannend, weil wir die Satzung für die Synodalkonferenz in ganz enger Abstimmung mit den vatikanischen Behörden konzipiert haben. Vor der letzten Sitzung des Synodalen Ausschusses in Fulda im November des vergangenen Jahres wurden von Rom noch einmal ganz konkrete Hinweise gegeben, die wir auch in die Satzung übernommen haben. Darüber haben wir im Synodalen Ausschuss sehr intensiv diskutiert und um viele Positionen gerungen, aber am Ende haben wir doch einen Konsens erreicht. Ich denke also, dass der nun vorliegende Satzungsentwurf vom Vatikan gebilligt werden könnte. Wenn es aber nun so ist, dass der Vatikan diese Satzung gutheißt, ist das nicht eine Einladung an die Bischöfe, die sich bislang zurückgenommen haben, jetzt wieder teilzunehmen?
Was könnte die Bischöfe umstimmen?
Der Vatikan beäugt unseren Weg nicht nur kritisch, sondern sagt uns: „Probiert das mal aus. Ihr seid als Kirche in Deutschland anders aufgestellt, als andere nationale Bischofskonferenzen. Ihr habt Strukturen, Gremien und große theologische Kompetenz. Damit habt Ihr auch eine gewisse Vorreiterrolle und wir werden sehen, was dabei herauskommt.“ Ich meine, diese Einladung kann jeder ohne Gesichtsverlust annehmen. Es ist eine Chance, subjektive Befindlichkeiten und Vorbehalte beiseite zu lassen.
Und was ist, wenn das nicht klappt?
Wenn Synodalität dazu führt, dass sich einzelne verabschieden, ist das Konzept eigentlich gescheitert. Die Weltsynode zur Synodalität hat nicht umsonst den Begriff des „Konsenses“ in den Mittelpunkt gestellt. Das heißt nicht, dass immer jeder hundertprozentig hinter einer Entscheidung stehen muss, aber zumindest sollte niemand fundamentale Einwände haben. Ein solcher Konsens gelingt nur mit einer entsprechenden Beratungskultur aus dem Heiligen Geist: immer wieder aufeinander hören, keine Abkürzungen in den Beratungsschleifen, kein Durchboxen mit Verweis auf angeblich hohe Dringlichkeit. Wenn klar ist, dass etwas noch nicht entscheidungsreif ist oder es noch gewichtige Einwände gibt, dann hilft es nicht, unter Zeitdruck zu entscheiden.
Konservative Kreise werfen dem Synodalen Weg „institutionelle Blockade“ vor, befürchten eine Spaltung der Kirche und haben den Vatikan wiederholt aufgefordert, den Prozess zu stoppen. Was sagen Sie dazu?
Man kann diesen Vorwurf in beide Richtungen erheben. Das ist aber wenig hilfreich. Das große Gut des Synodalen Weges war, dass wir in vielen Punkten Sprachfähigkeit erlernt haben. Es ist anstrengend, das einzuüben, sich einander zuzumuten und wirklich aufeinander zu hören. Das hieß für die Vertreter des ZdK, die Bischöfe zu hören, in ihrer Verantwortung, die undelegierbar ist. Die Bischöfe mussten wiederum auf das Gottesvolk hören und erkennen, dass Probleme seit Jahren nie richtig artikuliert oder unter den Teppich gekehrt wurden. Das war ein anstrengender Lernweg, aber keine Blockade. Eine Blockade stellen die Probleme dar, die nicht behandelt werden. Daran geht jede Institution, auch die Kirche, zugrunde. Mit unserem gemeinsamen Weg versuchen wir ja gerade diese Blockade zu lösen. Gegenseitige Vorwürfe helfen uns dabei nicht weiter.
Umgekehrt geht es vielen Christinnen und Christen nicht schnell genug. Seit Bekanntwerden der Vorwürfe in Berlin sind circa 16 Jahre vergangen. Was hat sich aus Ihrer Sicht seitdem verändert?
Sehr viel! Durch die Veröffentlichungen der Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg im Jahr 2010 hat sich mit einem Schlag die Perspektive gewendet. Vorher wurde bei Fällen sexuellen Missbrauchs nur auf die einzelne Verantwortung der Täter geschaut und zugleich dafür gesorgt, die Institution selbst zu schützen. Jetzt wurde zum ersten Mal nach den Betroffenen gefragt. Ihre Berichte wurden gehört und ihr Schmerz wahrgenommen. Es war zu spüren, wie schmerzhaft es für die Betroffenen ist, sich diesem Teil der eigenen Biografie zu stellen und damit in die Öffentlichkeit zu gehen und sich damit noch einmal verletzlich zu machen. Die ersten Jahre herrschten Fassungslosigkeit und eine gewisse Abwehrhaltung: „Das kann irgendwie gar nicht sein.“ Erst langsam wurde das ganze Ausmaß der Verbrechen sexualisierter Gewalt zur Kenntnis genommen und zum ersten Mal die Systemfrage gestellt. Wieso konnten Täter sich jahrzehntelang sicher fühlen? Warum hat nie jemand nach den Betroffenen gefragt? Wieso war der Schutz der Institution wichtiger als der Auftrag des Evangeliums, sich um die Geschundenen zu kümmern? Wie konnte es dazu kommen, dass durch die Kirche, die doch die Erlösungsbotschaft verkünden soll, so vielen Menschen furchtbares Leid zugefügt wurde? In diesen 16 Jahren seit 2010 haben wir eine ganz große Lernkurve hingelegt.
Und was hat sich konkret geändert?
Wir haben umfangreiche Maßnahmen und Programme entwickelt zur Sensibilisierung und Prävention. Aber vor allem haben wir festgestellt, dass wir den Umgang mit sexualisierter Gewalt nicht für uns alleine regeln können. Wir brauchen den Schulterschluss mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden. Es ist ihre Aufgabe, Vorwürfe zu prüfen und zu ermitteln, unsere Zuständigkeit beginnt erst danach. Trotz allem ist der Weg noch lange nicht abgeschlossen. Solange es Menschen gibt, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, müssen wir ihnen gerecht werden, sie begleiten und unsere gesellschaftspolitische Verantwortung als Kirche wahrnehmen. Für mich ist interessant, dass immer häufiger Freiwillige Feuerwehren, Sportvereine oder Schulen bei uns anfragen für Präventionsschulungen. Das zeigt, dass wir doch viel erreicht haben. Und gleichzeitig lernen wir immer noch. Man ist mit dem Thema nie fertig.
Unterm Strich bleibt vor allem die Frage der Macht, natürlich auch die der Diözesanbischöfe. Wo haben Sie konkret Macht abgegeben und wo wollen Sie das noch tun?
Ich kann mit dieser Frage nichts anfangen, weil es mir nicht um Macht geht und auch nie gegangen ist. Es geht um Verantwortung. Natürlich hat Verantwortung auch mit Macht zu tun. Umso wichtiger ist es, Verantwortung gut wahrzunehmen. Ein Bischof ist zum Beispiel in Finanz-Gremien seines Bistums anwesend und hört, aber die Entscheidungen treffen andere. Ich nehme diese Gremien sehr ernst, weil wir vor schwerwiegenden Entscheidungen stehen, die ich als Bischof nicht allein treffen kann und möchte. Ich brauche den Rat der Fachleute, die für Finanzen ausgebildet sind und entsprechende Erfahrung haben. In diesem Sinn sind wir momentan auch dabei, den Diözesanpastoralrat neu aufzustellen. Wir greifen damit den Impuls der Weltsynode auf, mehr Synodalität zu wagen. Ich glaube, das ist ein guter Weg.
Was heißt das in der Praxis?
Wir haben viele große Fragen, etwa zur pastoralen Struktur der Zukunft, die ich als Bischof nicht einfach für mich entscheiden kann, sondern zu denen ich Rückmeldungen aus dem Bistum einholen muss. Daneben haben wir unseren Strategieprozess synodal angelegt, damit die Ergebnisse möglichst viele mittragen. Darin wurde ja auch in klaren Prozentzahlen hinterlegt, wie viel Geld künftig in welche Bereiche fließen soll. Es wird sicher kein Spaziergang werden, sich auch von bestimmten Dingen zu trennen. Solche Entscheidungen brauchen eine breite Basis, die sagt: „Wir haben das gemeinsam mit dem Bischof beraten und jetzt wird es auch gemacht.“
Könnte denn ein konservativer Nachfolger Ihre Änderungen alle zurücknehmen?
In der Weltkirche ist die Richtung der Entwicklungen aus meiner Sicht eindeutig. Das kann ein einzelner Bischof nicht einfach zurückdrehen. Papst Leo XIV. hat ja auch betont, dass er das Thema Synodalität weiter vorantreiben will.
Das Interview führten Anna-Lena Ils und Ralf Ruppert


