Und immer mehr Menschen suchen nach etwas, das weder Technik noch Wissenschaft und auch nicht religiöse Ideologie ist. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Erfahrung von „Erlösung“; sie möchten mehr in Kontakt kommen mit dem Geheimnis, das sie in ihrem Inneren spüren.
Evangelium
In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.
Johannes 1,29–34
Die ersten Generationen der Christen wussten sehr wohl, dass „Getauftwerden“ ganz wörtlich bedeutet: im Wasser untergetaucht werden wie in einem Reinigungsbad. Deshalb unterschieden sie zwischen der „Taufe mit Wasser“, die der Täufer im Jordan vollzog, und der „Taufe mit Heiligem Geist“, die wir von Jesus empfangen.
Das Evangelium des Johannes sagt es so: Jesus besitzt die Fülle des Heiligen Geistes Gottes. Daher kann er die Seinen an dieser Fülle teilhaben lassen. Die Taufe Jesu ist also kein äußerliches Bad, sondern deutet eine innere Reinigung und Erneuerung an. Jesus taucht die Seinen in den Heiligen Geist ein, der sich in uns zu einer neuen und unverwechselbaren Lebensquelle verwandelt.
Es ist bedauerlich, dass sich in der Seelsorge eine Richtung hält, die dazu neigt, Jesus an den Rand zu stellen – ohne Bedeutung für das praktische Leben. Alles läuft wie am Schnürchen, die Sakramente werden gespendet. Aber wo wird der Einzelne bei seiner Suche aufgefangen? Als Nachfolger Jesu können wir keine Spiritualität
gestalten, die nicht von Seinem Geist inspiriert und durchdrungen ist.
Ich glaube, dass es in allen modernen Gesellschaften, egal ob in der Ersten oder der sogenannten Dritten Welt, eine Suche nach neuer Spiritualität gibt (nicht unbedingt innerhalb der großen Kirchen!). Es gibt mehr Menschen als noch vor einigen Jahren, die auf der Suche sind nach innerer Stärke, um sich den Herausforderungen des Lebens auf andere Weise zu stellen. Denn es ist schwierig, ein Leben zu gestalten, das nicht auf ein Ziel ausgerichtet ist. Die menschliche Existenz kann unerträglich werden, wenn alles nur auf das Jetzt, auf den Augenblick ausgerichtet bleibt.
Ein missionarisches Ehepaar aus Kolumbien und ich als deutscher Priester betreuen seit knapp einem Jahr den Wallfahrtsort San Expedito in der Pfarrei San Luis Gonzaga. Jeden dritten Sonntag im Monat kommen mehr als 600 Menschen in unsere Pfarrkirche mit ihren „bloß“ 400 Sitzplätzen. Da kommen Menschen, die die Notwendigkeit von Sicherheit und innerem Frieden spüren, um den Gefühlen von Angst und Unsicherheit, die im Innern hochsteigen, Paroli bieten zu können. Andere fühlen sich innerlich schlecht: in der Seele verletzt, vom Leben misshandelt, wie eingezwängt, einer inneren Heilung bedürftig.
Und immer mehr Menschen suchen nach etwas, das weder Technik noch Wissenschaft und auch nicht religiöse Ideologie ist. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Erfahrung von „Erlösung“; sie möchten mehr in Kontakt kommen mit dem Geheimnis, das sie in ihrem Inneren spüren. Sie sind auf der Suche nach dem Größeren, nach dem ganz Anderen, der nicht außerhalb von uns, sondern ganz intim in uns lebt und wirkt.
Das Ehepaar aus Kolumbien und ich, wir versuchen nach dem Motto „Mönche sind wir alle“ den Geist in uns wachzuhalten, dass wir nicht nur im Diesseits leben; dass unser Leben tiefer gehende Aspekte als das ganz Alltägliche hat. Wir wollen auf der Suche bleiben nach dem Geist Gottes, der in uns wirkt. Durch unser tägliches, öffentlich gesungenes Stundengebet mit den Psalmen der Kirche setzen wir ein Zeichen für die Gruppen und die Pfarreiarbeit: dass wir nicht nur von einem auf den anderen Tag leben, sondern ständig auf den Ewigen ausgerichtet bleiben.
Der Autor („thomas.hermes@bistum-wuerzburg.de“) ist Priester der Diözese Würzburg, freigestellt als Missionar und seit knapp 20 Jahren in Bolivien/Südamerika im Einsatz.