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Wenn leben mit der Geburt endet

Sternenkinder
Lange wurden Geburten sogenannter Sternenkinder verschwiegen. Das hat sich geändert, weil es auch in der Region inzwischen gut organisierte Unterstützung gibt.

Die Stille ist unerträglich: Kein erster Schrei. Schweigende Angehörige. Unausgesprochenes zwischen den Partnern. Oder Worte voller Hilfslosigkeit. Wird ein Kind tot geboren, sind die seelischen Folgen für Eltern immens, aber auch für deren Umfeld. Geburten von Sternenkindern kommen immer wieder vor. Langsam dringt das Thema an die breite Öffentlichkeit; weil Eltern, die ihre Kinder vor, bei oder kurz nach der Geburt verloren haben, ihr Schweigen brechen.

Eine davon ist Vanessa Suslow aus Erlenbach. Sie ist Mutter eines vierjährigen Sohnes und eines Mädchens, das im November 2023 als Sternenkind geboren wurde. Bis zur 18. Woche verlief die Schwangerschaft unauffällig. Doch während der Ultraschalluntersuchung, bei der sie das Geschlecht ihres Kindes erfuhr, hatte der Arzt eine Frage: „Waren Sie bei der Pränataldiagnostik?“ Nach Tagen der Ungewissheit kam der schreckliche Befund: Ein Fötus mit offenem Rücken, ablaufendem Hirnwasser und schon im Mutterleib praktisch ohne Überlebenschance. Die medizinisch bewanderte Altenpflegerin Suslow konnte sich nicht vorstellen, das Kind weiter auszutragen. „Der Abbruch der Schwangerschaft war für alle eine medizinische Notwendigkeit“, beschreibt sie die Situation heute.

Wirtschaftsfachwirtin Lena Weiss ist Mutter eines bald zehnjährigen und eines sechsmonatigen Sohnes und hat dazwischen zwei Sternenkinder geboren. Beim ersten waren in der zwölften Schwangerschaftswoche keine Herzschläge mehr zu sehen und zu hören. Der kleine, tote Fötus wurde durch eine Operation unter Vollnarkose „schnell weggeschafft“ und die Gebärmutter ausgeschabt. Was so technisch klingt, hinterließ Spuren. Zumal viele nahestehende Personen sich und Lena Weiss mit dem Umstand trösteten, „das Kind sei ja noch nicht wirklich da gewesen“.

Aufgefangen hat beide Frauen der Verein „Mein Sternenkind Miltenberg“, in dem sich Eltern engagieren, deren Kinder in der Schwangerschaft, bei der Entbindung sowie in den ersten Lebenswochen verstorben sind. Gemeinsam bauten sie eine Selbsthilfegruppe samt Beratungsnetzwerk auf, mit Räumen im Ortskern von Kleinwallstadt (Pastoraler Raum Elsenfeld). Lena Weiss benötigte nach der Geburt ihres ersten Sternenkindes über ein Jahr, bis sie die Kraft hatte, hier vorbeizuschauen. „Doch hier wurde ich verstanden, sprechfähig und konnte aus den Erfahrungen anderer lernen.“

Frühverstorbene als Menschen würdigen

Eine weitere zentrale Anlaufstelle ist der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), der an mehreren Standorten in Unterfranken berät: unabhängig von der Religionszugehörigkeit, kostenfrei, auf Wunsch anonym, vor Ort, telefonisch oder online. In der Katholischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen (KSB) werden im Jahr bis zu 4000 Personen beraten, davon müssen sich etwa 150 Ratsuchende mit dem Verlust ihres Kindes auseinandersetzen. Unterstützt wird die KSB durch das Referat Schwangerschaftsberatung in der Diözese Würzburg. „So können wir ein gutes Angebot bereitstellen, das jede Schwangere, jede Schwangerschaft und jedes Kind ernst nimmt“, erläutert Diözesanreferentin Anna Elisabeth Thieser. Auch wenn ein Kind früh sterbe, komme ihm die gleiche menschliche Würde zu. Es sei kein Makel.

Für die KSB-Beraterinnen ist die Arbeit mit Eltern von Sternenkindern eine besondere. „Manche Reaktionen des Umfelds sind für die Betroffenen kaum auszuhalten. Einige haben Angst davor in ihrer Trauer eine Zumutung zu sein, und verschließen sich. Andere erleben Tröstungsversuche als Kleinmachen ihres Schmerzes“, erklärt Ursula Omer, Beraterin und fachliche Leitung der Beratungsstelle in Aschaffenburg. Beraterin Susanne Resch aus Würzburg ergänzt: „Die Gleichzeitigkeit so vieler Gefühle – wie Trauer und Verzweiflung, Schmerz und Scham – ist manchmal überwältigend.“

Stille Geburt: „Wie im wackeligen Boot“

All dies kommt zusammen, wenn im Kreißsaal die Geburt eines Sternenkindes, eine Stille Geburt, vorbereitet wird. Wenn es ruhig bleiben wird, und drumherum das Notwendige geschehen muss, schlägt die Stunde der Hebammen. Neben der medizinischen Betreuung erfragen sie die Bedürfnisse und Wünsche der Eltern, geben rechtliche Informationen, beraten zu Rückbildung und Nachversorgung und begleiten in den folgenden Wochen durchs Wochenbett. Theresa Geier, angestellte Hebamme in der Missio-Klinik Würzburg, findet ein bildhaftes Beispiel für diesen Prozess: „Es ist wie der gemeinsame Einstieg in ein wackeliges Boot. Wenn ich es den Betroffenen angenehmer gestalten kann, gehe ich zufriedener aus dem Kreißsaal hinaus.“

Neben der medizinischen Versorgung geht es den Hebammen darum, einen Raum für Erinnerungen zu schaffen. „Alles, was im Kreißsaal nicht gemeinsam passiert, ist im Nachhinein nicht mehr möglich. Die Möglichkeiten, die wir heute haben, hatten die vorherigen Generationen nicht“, erklärt die Leitende Hebamme der Missio-Klinik, Antje Beck. So können Eltern ihr totgeborenes Kind noch in den Arm nehmen, wiegen oder Fußabdrücke erstellen. Dafür braucht es manchmal auch Überwindung. Schließlich sind die totgeborenen Kinder oft nicht voll ausgebildet.

Doch auch für die Hebammen ist die psychische Belastung immens. Deswegen ist der Umgang mit Sternenkindern inzwischen Teil der Berufsausbildung. Ein dreitägiges Seminar war es im Fall von Theresa Geier, „vor allem mit dem Ziel, Berührungsängste abzubauen“, wie sie erläutert. Bei der Begleitung einer Stillen Geburt sind dann die volle medizinische und psychologische Unterstützung der Mutter sowie die ständige Kommunikation mit den Eltern entscheidend, sowie die Tatsache, dass eine Hebamme an einem solchen Tag nur das eine betroffene Elternpaar betreut.

Sehr selten kommt es vor, dass ein Kind unerwartet rund um die Geburt verstirbt. „Diese ungebremsten Erfahrungen sind wohl die schlimmsten“, sagt Theresa Geier. „Es macht einen großen Unterschied, ob ich mich aktiv dafür entscheide, eine Totgeburt zu betreuen, oder einen Todesfall im Kreißsaal unvorbereitet erlebe. Das wäre auch für mich ein Schock.“ Deswegen ist es wichtig, dass neben den Angehörigen eines Sternenkindes auch das medizinische Personal psychologische Hilfe in Anspruch nehmen kann.

Perspektiven im emotionalen Chaos

Judith Dümler ist Trauerbegleiterin und als Gemeindereferentin in der Klinikseelsorge im Leopoldina-Krankenhaus Schweinfurt eingesetzt. Sie trifft Eltern, um ihnen Mut zuzusprechen, gemeinsam Abschied zu nehmen und womöglich zu beten. Denn gerade die Geburten von Sternenkindern führten in einen emotionalen Ausnahmezustand, sagt Dümler: „Junge Menschen, die davon ausgehen, das Leben selbst zu bestimmen, trifft diese Tragik mit voller Wucht. Es kann ungemein wertvoll sein, in diesen Schmerz eine Zukunftsperspektive zu tragen.“ Dümlers Trauerarbeit unterscheidet sich von Fall zu Fall. Für die einen breche nach einem Abbruch in der sechsten Schwangerschaftswoche die Welt zusammen, andere seien erleichtert, eine Schwangerschaft zum letztmöglichen Zeitpunkt abbrechen zu können.

Vanessa Suslows Sternenkind kam auf natürlichem Wege zur Welt. Die Mutter konnte das Mädchen noch direkt auf ihrer Haut spüren, bevor es mit einer letzten, leichten Bewegung des Brustkorbes in ihrem Arm verstarb. Lena Weiss erlebte zwei Sternenkindgeburten in Folge. Gestärkt durch die Gespräche im Verein „Mein Sternenkind Miltenberg“ überzeugte sie ihren Frauenarzt bei der zweiten, von einer Operation abzusehen. Der Fötus, in der achten Schwangerschaftswoche verstorben, bildete sich im Mutterleib zurück, ein natürlicher Abgang folgte. Das Leid an Körper und Geist aber blieb beiden Müttern.

Die Beispiele der Sternenkind-Familien zeigen, wie emotional und komplex die Beratungstätigkeit sein kann. Daher werden die Kompetenzen in Würzburg seit über 20 Jahren im Arbeitskreis Leere Wiege (Infoflyer als PDF-Download) gebündelt, einem Zusammenschluss von Hebammen, Klinikseelsorgenden, Schwangerschaftsberatungsstellen, dem Kinderhospizdienst der Malteser sowie den Vereinen Sternenzelt und KIWI. Der Arbeitskreis hat unter anderem dafür gesorgt, dass auf Haupt- und Waldfriedhof Erinnerungsorte geschaffen wurden und regelmäßige Gedenkfeiern stattfinden. „Alles, was hier für die Sternenkinder entstanden ist, ist diesem Arbeitskreis zu verdanken“, fasst Hebamme Antje Beck zusammen.

Sichtbarkeit schaffen und Mut spenden

Darüber hinaus stellt der Arbeitskreis politische Forderungen mit Blick auf die Sternenkind-Eltern: Regelungen für eine vorzeitige Rückkehr in bestehende Arbeitsverhältnisse, eine Ergänzung für Väter zum gestaffelten Mutterschutz bei Tot- und Fehlgeburten, garantierte Rückbildungskurse für Mütter und die Möglichkeit, trotz oder gerade wegen des Todesfalls in Elternzeit zu gehen. „Es ist eine gemeinsame Aufgabe, mehr Sichtbarkeit zu schaffen, Mut zuzusprechen und Trauerorte zu erkämpfen“, sagt KSB-Beraterin Susanne Resch.

Nach dem Würzburger Vorbild gründete sich 2021 in Aschaffenburg das Netzwerk Sternenkinder. Dessen erstes Projekt, eine Wanderausstellung, wird seit fünf Jahren durchgehend gezeigt. In Schweinfurt hat Klinikseelsorgerin Judith Dümler 2023 den Sternentreff initiiert, in dem sich Eltern austauschen, die ein Kind im Mutterleib oder rund um die Geburt verloren haben.

Weltweit wird jedes Jahr am zweiten Dezembersonntag den frühverstorbenen und totgeborenen Kindern gedacht. Kerzen leuchten dann auch beim ökumenischen Gottesdienst, den der Arbeitskreis Leere Wiege in der Gethsemane-Kirche am Würzburger Heuchelhof veranstaltet. Dort kommen alle Altersgruppen zusammen, was zeigt: für die Zurückgebliebenen geht das Leben weiter. Teenager erinnern ebenso an ihre verstorbenen Geschwister wie Eltern, die ihr Kind bereits vor Jahrzehnten verloren haben. Kerzen in der Mitte des Raumes transportieren Liebe und Erinnerungen.

Die Erinnerung bleibt bis zum Ende

„Diese Hoffnungslichter schaffen einen einzigartigen Moment“, sagt die Gastgeberin, die evangelische Pfarrerin Dr. Claudia Kühner-Graßmann. Sie erinnert daran, dass die Trauerarbeit besonders herausfordernd ist, wenn sie nachgeborenes, nicht gelebtes Leben betrifft. „Die Folge der Generationen wird unterbrochen. Da sagt unser logisches Denken: Das sollte nicht sein.“ Gerade die heutige Senioren-Generation sei noch erzogen worden, solcherlei Schicksalsschläge zu verschweigen und zu verdrängen. „Oft bricht die Vergangenheit dann gegen Lebensende heraus“, berichtet Kühner-Graßmann. In einigen Fällen würden die Schicksale in der Familie erst bekannt, wenn Geistliche Trauergespräche für eine Beerdigung führten. „Einen Rat können wir immer geben: Lasst der Trauer Raum, bringt Eure Sorgen vor Gott und betet für das verstorbene Kind“, empfiehlt die Pfarrerin. „Im Gebet kann etwas entstehen, das in keiner Konkurrenz zu den anderen Angeboten steht.“

An Vanessa Suslows frühverstorbenes Kind – bei der Geburt 22 Zentimeter klein, 280 Gramm leicht – erinnert eine rosafarbene Urne in Sternform. Diese steht für die Familie gut sichtbar in einer Vitrine in der eigenen Wohnung. Lena Weiss suchte nach medizinischer Gewissheit. Im Kinderwunschzentrum der Würzburger Universitätsklinik wurde eine geteilte Gebärmutter als Ursache der Fehlgeburten ausgemacht. Nach einer geglückten Operation ist Weiss inzwischen wieder Mutter eines Sohnes. Nun ein lebendiges Kind im Arm zu halten, sei für sie noch immer wunderbar und befremdlich zugleich.

Sebastian Haas

Zusatzinfo: Die Sache mit der Statistik

Totgeburten und Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland statistisch gut dokumentiert, Fehlgeburten unterliegen keiner Meldepflicht. Die Gesamtzahl der Schwangerschaften kann nur abgeleitet werden, sie beträgt deutschlandweit pro Jahr zwischen 850.000 und 900.000. Lebend zur Welt kamen im Jahr 2025 um die 655.000 Säuglinge. Somit endet fast jede vierte Schwangerschaft nicht mit der Geburt eines lebenden Kindes. Das Statistische Bundesamt vermeldete für 2025 106.000 Schwangerschaftsabbrüche. Vermutet werden mindestens genauso viele Fehlgeburten, also solche, bei denen die Schwangerschaft vor der 24. Woche endet oder das Kind weniger als 500 Gramm wiegt. Ist ein bereits verstorbenes Kind bei der Geburt weiter entwickelt, spricht man von einer Totgeburt. Deren Anzahl steigt kontinuierlich, auf zuletzt etwa 3.500 pro Jahr, und betrifft damit eine von 250 Schwangerschaften. Alleine für die Organisation der Sammelbeisetzungen von Sternenkindern im Raum Schweinfurt schreibt Koordinatorin Judith Dümler nach eigenen Angaben alle zwei Monate 20 bis 30 von Tot- oder Fehlgeburten sowie Schwangerschaftsabbrüchen Betroffene an.

Zusatzinfo: Die erste und letzte Erinnerung

Bleibende Erinnerungen schafft die Dein-Sternenkind Stiftung, für die im deutschsprachigen Raum 700 ehrenamtliche Fotografinnen und Fotografen im Einsatz sind. Im vergangenen Jahr verzeichneten sie gut 4.700 Einsätze. Schon allein diese Zahl ist höher als die offizielle Zahl der Totgeburten hierzulande. „Wir betreten Räume, die gefüllt sind mit Liebe und mit Trauer. Dafür braucht es Empathie und Mut“, sagt Stiftungs-Vorsitzender Oliver Wendlandt. Eine der Fotografinnen ist Grit Kreusch aus Lohr am Main (rechts im Einsatz zu sehen). Über eine App wird sie informiert, wenn Eltern Fotos ihres Sternenkindes wünschen. Zu Einsätzen nimmt sie nur ihren Kamerarucksack, Tücher, Plüschsterne und ein selbst gebasteltes Namensbändchen mit. Kreusch ist es eine Herzensangelegenheit, mit ihrem Tun eine bleibende Erinnerung für die Eltern zu schaffen. Psychisch belastend seien die Einsätze für sie nicht, weil sie viel Dankbarkeit erfahre. Die eigentliche emotionale Gratwanderung beginnt für sie später, wenn sie ihre Aufnahmen sichtet und behutsam bearbeitet. Danach schickt Kreusch ein kleines Paket mit den Fotos und Erinnerungsstücken an die Eltern. „Ohne jegliche Erwartungshaltung“, wie sie sagt. „Die Eltern müssen in ihrer Trauer keine Kraft für eine Rückmeldung aufbringen.“