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"Rekrutiertes Bodenpersonal"

Licht fällt durch die hohen Fenster in den Raum mit dem großen rechteckigen Tisch in der Mitte. Auf dem Fensterbrett steht eine alte dunkelbraune Standuhr, Überbleibsel einer traditionsreichen Geschichte der Franziskaner in Miltenberg. Ihnen haben seit 1640 die Männer der Fünf-Wunden-Bruderschaft zur Seite gestanden. Die Franziskaner verließen in den 1980er Jahren Miltenberg – die Bruderschaft aber hat bis heute Bestand.

Klaus Hench hat es nicht weit hierher – der pensionierte Bäckermeister wohnt gleich nebenan auf dem Engelplatz von Miltenberg, das ehemalige Franziskanerkloster kennt er wie seine Westentasche. Seine Augen leuchten, als er von der Fünf-Wunden-Bruderschaft erzählt: In Miltenberg beginnt die Geschichte mit den Franziskanerbrüdern im Jahr 1629.

Damals kam die Pest – die in vielen Regionen Deutschlands wütete – auch an den Untermain. Dorthin waren drei Franziskaner geschickt worden, um sich vor allem den Pestkranken anzunehmen; sie halfen und pflegten, bis sie schließlich selbst von der Krankheit befallen wurden. „In ihrer Not gelobten die Miltenberger Bürger 1631 schließlich eine jährliche Wallfahrt nach Dettelbach, sollte die Pest endlich aus Miltenberg verschwinden", schildert Klaus Hench.

Das Gelöbnis

Kaum war das Versprechen erfüllt, verschwand die Seuche. Daraufhin gründeten die Franziskaner die Fünf-Wunden-Bruderschaft als katholische Männerorganisation für Laien. Papst Sixtus V., der Franziskaner war, erhob die „Gürtelbruderschaft zu den heiligen Fünf Wunden" oder auch „Fünf-Wunden-Bruderschaft" zur Erzbruderschaft. Man wählte den Namen „Fünf Wunden", weil bei Franziskus im Spätsommer 1224 Wundmale sichtbar wurden, die die ältesten Quellen als Einprägung der Wundmale Christi deuten.

Die Bruderschaft war von Beginn an im Jahre 1640 bei den Gläubigen sehr beliebt, da jeder Mann – egal welchem Stand er angehörte – ein- und austreten konnte. Außerdem gewährte der Zusammenschluss Gleichgesinnter dem Einzelnen Entlastung und Sicherheit. Aufgenommen wurde ein Mann nach erfolgter Beichte und Kommunion durch einen bevollmächtigten Franziskanerpater, der dem Mitglied den ersten geweihten Gürtel aus Hanf oder Wolle überreichte. Daneben mussten sich die Mitglieder – wie heute noch üblich – in das Bruderschaftsverzeichnis eintragen und einen persönlichen Aufnahmeschein ausfüllen.

Die Päpste Gregor V. und Paulus V. hatten den Mitgliedern der Gürtelbruderschaft das besondere Vorrecht erteilt, das sie auch all jene Ablässe gewinnen können, die dem Franziskanerorden verliehen wurden. Die Bruderschaft war aufgrund des Ablasswesens ein wichtiger Faktor, die Gläubigen zu häufiger Beichte und Kommunion anzuhalten. Daneben konnten die Mitglieder 36-mal im Jahr von jedem Beichtvater die General-Absolution empfangen. Zu den Abordnungen gehörten im Allgemeinen die beiden Brudermeister, der Bruderschaftsdiener und der Guardian des Franziskanerklosters, der zugleich Präses der Fünf-Wunden-Bruderschaft war. Als in der Zeit der Aufklärung und Säkularisation Wallfahrten nicht gerne gesehen waren, mussten die Miltenberger in den Jahren 1790, 1791 und 1806 zunächst eine Erlaubnis beim Kurfürsten einholen.

1754 war ein bedeutsames Jahr für die Miltenberger Bruderschaft, berichtet Bernhard Istel, ebenfalls Mitglied der Bruderschaft und Protokollführer: „Der Mitbruder Anton Philipp von Fleischmann stiftete der Bruderschaft ein Kreuz mit den heiligen fünf Wunden. Die reich verzierten und in Silber getriebenen Hände, Füße und das Herz Jesu sind sehr wertvoll."

Großer Diebstahl 2001

Im Jahr 2001 wurde die Bruderschaft in einen großen Raub verwickelt, dessen Geschehnisse und Ausgang Istel und Hench noch in lebhafter Erinnerung ist: Ein Dieb hatte zwei der fünf Wundmale aus der Kirche vom Kreuz gestohlen, es waren die Herz- und eine der beiden Handwunden. „Wir hatten schon die Hoffnung aufgegeben, unsere Wundmale wiederzubekommen, als ein Jahr später durch eine glückliche Fügung Fahnder der Kriminalpolizei an der Schweizer Grenze einen großen Kunstraub aufdeckten", erinnert sich Hench. „Ein Schulleiter hatte insgesamt 450 Sakralgegenstände aus Kirchen in ganz Süddeutschland entwendet." Seit diesem Vorfall werden die Wundmale unter Verschluss aufbewahrt und nur zu den Bruderschaftsgottesdiensten am schmiedeeisernen Kreuz in der Klosterkirche aufgehängt.

Nach langem Wirken der Franziskaner in Miltenberg kam 1983 der Beschluss, das Kloster aufzulösen. „Für uns alle war das unbegreiflich, die Patres gehörten doch zu Miltenberg. Und – was sollte aus der Bruderschaft werden?", erinnert sich Istel. „Unsere Tradition drohte zu sterben." Das nahmen die Sodalen – wie die Mitglieder der Bruderschaft auch genannt werden – nicht hin und suchten sich Aufgaben im kirchlichen Leben der Stadt. Sie lehnten ihre Aufgaben an die bekannten Traditionen an und rückten ihre Aktivitäten stärker ins Licht der Öffentlichkeit. „Bis dahin war man ein geschlossener Kreis. Aber wir konnten ja nur überleben, wenn wir berichteten, das es uns gibt und wofür wir stehen."

Den gesamten Beitrag finden Sie in der gedruckten Ausgabe vom 6. Oktober 2013.

Judith Bornemann