Über 200 Kinder und Jugendliche mit goldschimmernden Kronen auf den Köpfen, eingehüllt in bunte Samt-Mäntel, huschten durchs Würzburger Kilianeum. Dort nahmen sie an Spielen und Workshops teil – und feierten mit Bischof Dr. Franz Jung gemeinsam Gottesdienst. Antonia Mayr denkt gern an das Dankesfest für Sternsingerinnen und Sternsinger im Januar 2026 zurück. Sie organisierte das Fest mit. „Die Kinder hatten alle Spaß“, erinnert sie sich. Es war ihr persönliches Highlight während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) bei der Kirchlichen Jugendarbeit der Diözese Würzburg. Das FSJ absolvierte sie nach dem Fachabitur. Durch die Erfahrungen im FSJ ist sie sich heute sicher, dass ihr gemeinnützige Arbeit besonders gut gefällt.
„Das FSJ ist ein Bildungs- und Orientierungsjahr. Das hat bei mir voll zugetroffen“, sagt Tom Hartner aus Ochsenfurt. Nach der Fachoberschule hat Hartner ebenso ein FSJ bei der Kirchlichen Jugendarbeit der Diözese Würzburg absolviert. Anfangs wusste er nicht, was er zukünftig machen wollte. Doch je weiter das FSJ fortschritt, desto klarer wurde sein Wunsch: „Ich will Soziale Arbeit studieren.“
Hartner und Mayer haben vor Kurzem ihr FSJ bei der Kirchlichen Jugendarbeit beendet. Seit dem 1. Oktober studieren die beiden 19-Jährigen ihren Wunschstudiengang Soziale Arbeit an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt.
Hartners praktischer Einsatzort ist die Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit in der Region Mainfranken. Während seines Freiwilligendienstes hat ihm die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern sehr viel Freude bereitet. Er führte mit jungen Menschen Kurse durch – beispielsweise die sogenannten „Tage der Orientierung“, an die sich Hartner noch heute gern zurückerinnert. Dabei handelt es sich um ein dreitägiges Angebot für Schulklassen, bei dem die sozialen und persönlichen Kompetenzen der Jugendlichen gefördert werden sollen. Schülerinnen und Schüler leben in einem Jugendhaus des Bistums Würzburg zusammen. Sie bekommen Raum und Zeit, um über Themen zu sprechen, die sie selbst oder die Klassengemeinschaft beschäftigen – das können Lebensfragen sein oder etwa Konflikte.
Von Kinderhilfe bis Katastrophenschutz
Hartner und Mayr sind zwei von zirka 3300 Menschen in Bayern, die im Jahrgang 2025/26 im Freiwilligen Sozialen Jahr aktiv waren (Stichtag 1. Dezember 2025). Das FSJ hat Hartner und Mayr den beruflichen Weg gebahnt. Genau dazu dient das FSJ.
Während das FSJ auf Freiwilligkeit beruht, wird ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr bereits seit einigen Jahren in Deutschland diskutiert. In der Debatte wird darunter meist ein einjähriger Dienst für alle jungen Erwachsenen verstanden – etwa nach Ende der Schulzeit. Dieser könnte in unterschiedlichen Bereichen abgeleistet werden. Dazu zählen neben einem Dienst bei der Bundeswehr insbesondere Tätigkeiten im Zivil- und Katastrophenschutz, im Rettungswesen, in der Pflege und Betreuung, in der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Umwelt- und Naturschutz.
Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr stärke den gesellschaftlichen Zusammenhalt, entlaste öffentliche Einrichtungen, junge Menschen würden Verantwortung übernehmen und soziale Realitäten kennenlernen – das sind Gründe, die Befürworter der Idee nennen.
Mehr als 50.000 Menschen leisten Freiwilligendienst
Mayr und Hartner sind dagegen von Freiwilligkeit überzeugt. „In der Politik wird sehr oft über junge Menschen gesprochen“, sagt Mayr. „Ich finde es wichtig, dass diese Debatte nicht über uns, sondern mit uns geführt wird.“ Junge Menschen ohne eigene Motivation gegen ihren Willen zu einer Tätigkeit – etwa mit pflegebedürftigen Menschen oder Kindern – zu verpflichten, könne weder für die Betroffenen selbst noch für die Einrichtungen einen großen Mehrwert schaffen, erläutert sie. Wenn es um soziales Engagement geht, sind Mayr und Hartner von Freiwilligkeit überzeugt.
Eine bessere Vergütung könnte dazu beitragen, Freiwilligendienste für mehr junge Menschen zugänglich zu machen, sagt Hartner – etwa ein vom Bund finanziertes Freiwilligengeld, dessen Betrag sich am BAföG-Höchstsatz orientiert. Aktuell wären das 992 Euro pro Monat.
Derzeit können sich nicht alle jungen Menschen problemlos ein FSJ leisten; die Freiwilligendienstleistenden sind teilweise auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. FSJler erhalten eine Geldleistung, die meist zwischen 400 und 500 Euro monatlich liegt. „Ich hatte das Privileg, nicht darauf achten zu müssen, wie viel Geld ich verdiene – auch weil ich selbst gespart hatte“, sagt Hartner. Einen Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienst sowie individuelle Beratungsangebote für junge Menschen rund um das Thema Freiwilligendienste hält er ebenfalls für eine gute Idee.
Hartner und Mayr wünschen sich außerdem, dass Freiwilligendienste stärker beworben werden.
Bundesweit waren zum Stichtag 1. Dezember 2025 47.149 Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr aktiv. Dabei lag der Frauenanteil bei 65 Prozent. 46 Prozent der FSJler gaben als höchsten Schulabschluss Abitur oder Fachhochschulreife an. Im Vergleich dazu haben nur elf Prozent einen Hauptschulabschluss. Im Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) waren 2025/26 insgesamt bundesweit 3352 Freiwillige aktiv. Der Anteil der Frauen lag bei 58 Prozent.
Neben FSJ und FÖJ gibt es seit 15 Jahren den Bundesfreiwilligendienst (BFD). In diesem Zeitraum leisteten rund 650.000 Freiwillige einen Beitrag für das gesellschaftliche Miteinander. Der BFD steht Menschen jeden Alters offen. Zusammen mit den Freiwilligen im BFD engagiert sich damit etwa jeder Zehnte eines Schulabschlussjahrgangs in einem Freiwilligendienst.
Diözesanratsvorsitzende:Ja zum Gesellschaftsjahr
Dr. Michael Wolf, Ralf Sauer und Anja Mantel sind die Vorsitzenden des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Würzburg. Sie sprechen sich für die Einführung eines für alle Geschlechter verpflichtenden Gesellschaftsjahres aus. „Dieses sollte jungen Menschen die freie Wahl zwischen verschiedenen gemeinwohlorientierten Einsatzfeldern eröffnen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Diözesanratsvorstands.
Ein verpflichtender Dienst für die Gesellschaft würde Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammenbringen, das Verständnis füreinander stärken und die demokratische Gesellschaft widerstandsfähiger machen, erläutert Dr. Michael Wolf.
Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr wäre derzeit nicht rechtskonform. Die Einführung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres würde eine Änderung des Grundgesetzes und damit eine Zweidrittelmehrheit im Deutschen Bundestag voraussetzen. Solange diese politische Mehrheit nicht absehbar ist, unterstützt der Diözesanratsvorstand die bestehenden Freiwilligendienste.
Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr stelle darüber hinaus erstmals eine echte Geschlechtergerechtigkeit her. „Während die frühere Wehrpflicht ausschließlich Männer betraf und auch die bestehenden Freiwilligendienste von Frauen deutlich häufiger wahrgenommen werden, würde ein allgemeines Gesellschaftsjahr alle jungen Menschen gleichermaßen in die Verantwortung nehmen“, heißt es in der Pressemittelung des Diözesanratsvorstands.
Die Debatte um Geschlechtergerechtigkeit
Melf Hauck leistete von Oktober 2006 bis Ende Juni 2007 Grundwehrdienst. Heute arbeitet er als IT-Berater. „Ich fand es damals tatsächlich unfair, dass direkt nach der Schule alle Mädchen sofort zum Studium gegangen sind oder Zeit für ein Auslandsjahr hatten, die Jungs aber mussten Grundwehr- oder Ersatzdienst leisten – vor allem, weil alle Mädchen außer in diesem Punkt nach Gleichberechtigung geschrien haben. Ich konnte nie verstehen, warum nur Männer Dienst leisten mussten und nicht Frauen. In Israel ist es gang und gäbe, dass Männer und Frauen einen Wehrdienst ableisten“, erklärt der 40-Jährige. Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für alle Geschlechter befürwortet er.
Sehr viele Dienstleistungen – etwa in der Pflege oder Fahrdienste wie die Essensauslieferungen – könnten nicht mehr in derselben Form angeboten werden wie zu Zeiten der Wehrpflicht beziehungsweise des Ersatzdienstes, sagt Hauck. „Da waren Zivildienstleistende einfach unschlagbar“, fasst er zusammen. Sie hätten wenig gekostet. Zugleich hätten Zivildienstleistende selbst wertvolle Erfahrungen gesammelt und Einblicke in das „wirkliche Leben“ gewonnen. Ein Pflichtjahr würde die Gesellschaft immens entlasten, sagt er.
Hauck selbst habe nach der Schule zunächst nicht gewusst, welchen beruflichen Weg er einschlagen wollte. Seiner Meinung nach gehe es vielen jungen Menschen ähnlich. Ein solches Jahr biete eine gute Gelegenheit, sich darüber klar zu werden, wohin der eigene berufliche Weg führen soll. Zudem könnten junge Menschen dabei mit anderen ins Gespräch kommen und möglicherweise den entscheidenden Anstoß für ihre Zukunft erhalten.
Sarah Baus
Kommentar von Sarah Baus zum Pflichtjahr
Eine Frage des Geldbeutels
Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) muss man sich leisten können. Das ist unfair und sollte anders werden.
Das monatliche Taschengeld während des Freiwilligendienstes ist mickrig. Deshalb sind viele Freiwilligendienstleistende auf weitere Geldquellen angewiesen – etwa Kindergeld, staatliche Zuschüsse wie Wohngeld oder die Hilfe ihrer Eltern. Auf Letztere können Jugendliche aus einkommensschwachen Familien jedoch nicht zählen. Etwa jedes siebte Kind in Deutschland ist armutsgefährdet; mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren leben in einkommensschwachen Familien.
Nur ein Teil der FSJ-Einsatzstellen bietet eine kostenlose Unterkunft. Wer für den Dienst in eine andere Stadt ziehen muss und keine Unterkunft gestellt bekommt, steht vor einem Problem: Wie ein WG-Zimmer finanzieren?
In Würzburg liegt der durchschnittliche Preis für ein Zimmer inklusive Nebenkosten bei 450 Euro warm. Damit ist das Taschengeld oft bereits aufgebraucht. Hinzu kommen die Kosten für den öffentlichen Nahverkehr, die viele Freiwillige selbst tragen müssen.
Jugendliche aus finanziell abgesicherten Familien können im FSJ neue Fähigkeiten entwickeln und ihren Traumberuf entdecken. Diese Chance bleibt jungen Menschen aus einkommensschwachen Familien oft verwehrt. Damit werden ihnen Raum und Zeit für persönliche Entfaltung vorenthalten, was so nicht sein dürfte.
Ein staatlich finanziertes Freiwilligengeld auf BAföG-Höchstsatz-Niveau von zirka 992 Euro würde diese soziale Schieflage zumindest mildern und auf Chancengleichheit hinwirken. Denn aktuell hängt zu viel von der sozialen Herkunft ab, wer sich engagieren kann – und wer außen vor bleibt.

