Im Pfarrarchiv in Kleinostheim (Landkreis Aschaffenburg) stehen 400 Boxen voll Unterlagen, Kreuze und Habseligkeiten ehemaliger Pfarrer. Außerdem finden sich dort Bilder, Figuren und Stangen für den Tragehimmel. Der älteste eingelagerte Gegenstand ist ein Wetterhahn aus dem Jahr 1712.
„Wir schmeißen nichts weg“, erklärt Edwin Lang, Archivleiter in der Pfarrei St. Laurentius. „Was heute Zeitgeschehen ist, ist später vielleicht interessant.“ Die Ehrenamtlichen sammeln unter anderem religiöse Bilder und Bücher sowie Devotionalien.
Seit 1993 ist Lang für das Archiv zuständig. Als Kirchenverwaltungsmitglied kam ihm diese Aufgabe zu. Damals wurden die Archivalien auf dem Speicher des Pfarrhauses aufgehoben, erinnert er sich. Und zwar nur aufgehoben – nicht archiviert. Mit Blaumann und Besen schaffte Lang Ordnung, wie er erzählt. Er besuchte das Diözesanarchiv, ließ sich dort aufklären und kaufte erste Kisten zur Wahrung.
Einen eigenen Finanztopf für das Pfarrarchiv gibt es nicht. Da es zum Pfarrbüro gehört, ist das Team auf Investitionen der Kirchenverwaltung oder Spender angewiesen. Aktuell beteiligen sich neben Lang sechs weitere Ehrenamtliche im Archiv.
Daten von 55.000 Familien
Zum Beispiel Margarete Boss. Sie ist seit etwa zehn Jahren für die Organisation zuständig. Das heißt: Alles, was im Pfarrarchiv landet, wird von ihr systematisch eingeordnet. Harald Oftring kümmert sich seit über 15 Jahren um das Einspeisen von Informationen in digitale Datenbanken. Außerdem ist er Experte für Sterbebilder. Ewald Knichelmann hat vor 40 Jahren mit der Ahnenforschung begonnen und mittlerweile Daten von 55.000 Familien aus der Region Aschaffenburg gesammelt. „Es gibt oftmals kaum Kenntnisse darüber, wer vor den eigenen Großeltern da war. Und wenn man das wissen will, kommt man in die Spirale der Ahnenforschung“, weiß Oftring.
„Das verbindet uns alle“, sagt Dr. Robert Fecher, „die Liebe zur Familie, zur Vergangenheit, zur Geschichte.“ Der Archäologe und Antiquar wirkt seit etwa sieben Jahren im Pfarrarchiv. Als er erfuhr, dass auf Grundlage 18 Matrikelbücher eine Genealogie Kleinstostheims geplant war, bot er seine Hilfe an. Die Vorarbeit für die Veröffentlichung hat der bereits verstorbene Professor Günter Wegner geleistet, indem er die Matrikel in den 1990er Jahren mit Unterstützung anderer Engagierter eingescannt und in eine Datenbank übertragen hat. Die Originale lagern im Diözesanarchiv.
Alle zehn Jahre meldet das Pfarrarchiv dem Diözesanarchiv sein Inventar. Sonst gibt es keine Zusammenarbeit, sagt Archivleiter Lang. Einerseits sei das bequem, weil sie keine Anweisungen bekommen. Andererseits würden sie sich über mehr Informationsaustausch freuen, wenn sie zum Beispiel Teil eines E-Mail-Verteilers wären.
Die Archivpflege ist Grundlage für Ausstellungen und Forschungsarbeiten. Auch Filme und Bücher werden mithilfe der Quellen aus dem Pfarrarchiv angereichert. Etwa Werke über den Heiligen Laurentius. Edwin Lang gilt nach jahrelanger Forschung als Experte für den Namensgeber der Pfarrei.
Zuzug aus Tirol und der Schweiz
Das Ergebnis der Matrikelarbeit ist mittlerweile veröffentlicht: Auf über 1200 Seiten lassen sich Familienbeziehungen Kleinostheims seit 1628 nachvollziehen. Doch der 30-jährige Krieg sei ein starker Bruch in der Geschichte, sagt Robert Fecher. Nur eine Handvoll Familien hätten diese Zeit überdauert, die meisten wurden vertrieben oder seien verstorben. Durch Steuererleichterungen wurden Familien aus beispielsweise der Schweiz oder Tirol nach Kleinostheim gelockt. Ihre Nachkommen leben zum Teil noch immer in der Region.
von Angelina Horosun
Tipps von Archivar Edwin Lang
Wie baut man ein Archiv systematisch auf?
1. Mit Archiv-System vertraut machen
Sie brauchen Interesse an Geschichte, Ordnungssinn und Ausdauer: Orientieren Sie sich an bestehenden Archiv-Systemen, zum Beispiel an dem des Diözesanarchivs. Geltende Richtlinien können direkt bei den genannten Stellen angefragt werden. Archiv-Systeme haben gegenüber einfacher Verschlagwortung mehrere Vorteile: Die Systematik kann zu jedem Zeitpunkt nachvollzogen werden und begrenzt sich nicht auf den Wortschatz und die Sortierung eines Archivars. Außerdem ist es zugänglicher für Menschen, die mit Archivarbeit vertraut sind, zum Beispiel Wissenschaftler.
2. Bestand aufarbeiten und erfassen
Erfassen Sie den Bestand nach dem ausgewählten Archiv-System. Das analoge Archivieren können Sie gleich mit der digitalen Archivarbeit ergänzen, insofern Sie Zugriff auf ein passendes Programm haben. Archiv-Programme bieten viele nützliche Vorsortierungen, zum Beispiel die Berücksichtigung des Personenstandsgesetzes, das Sie bei Veröffentlichungen berücksichtigen müssen. Außerdem erleichtern sie die Ahnenforschung, indem sie Familien-Stammbäume automatisch erkennen, auf Herkunftsfamilie und spätere Familiengründung verweisen.
3. In Lagermöbel investieren
Sobald Sie den Bestand archiviert haben, sollten Sie für die künftige Archivarbeit Platz schaffen. Investieren Sie in Aktenkisten, Schränke und andere Möbel, die Sie zur Lagerung benötigen. Halten Sie Ausschau nach Spendern. Pfarrarchivalien müssen unter kirchlichem Dach gelagert werden. Es stellt sich also auch die Frage nach den zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten und ob diese erweitert werden können.



