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Wie Paare achtsam bleiben

Würzburger Paartage 2026
Würzburger Paartage von 29. September bis Ende Oktober: Ein Gespräch mit dem Theologen und Systemischen Therapeut Michael Ottl, der dann Workshops zu Achtsamkeit und Kommunikation anbietet.

Herr Ottl, was verstehen Sie unter Achtsamkeit?

Michael Ottl: Achtsamkeit ist eine offene, akzeptierende innere Haltung zum gegenwärtigen Geschehen. Ich bleibe bewusst bei dem, was ich wahrnehme. Was bei mir, beim Gegenüber und zwischenmenschlich passiert zu erkennen und anzuerkennen - diese Achtsamkeit lässt sich einüben. Nichts wird verleugnet oder verändert.

Warum fällt es uns schwer zuzuhören, ohne zu bewerten? Können wir das vermeiden?

Michael Ottl: Unser Gehirn verarbeitet Eindrücke sehr schnell und bewertet: Ist es gefährlich für mich, angenehm oder unangenehm? Letztlich ist es eine evolutionäre Überlebensstrategie. Wenn der Säbelzahntiger kommt, sollte ich keine Atemübung machen, sondern schnell davonrennen. Dieses archaische Muster wirkt immer noch, sodass wir im Gespräch oft nur einen Teil dessen mitbekommen, was gesagt oder gemeint wird. Fühle ich mich nicht verstanden, gehe ich in den Angriff oder in die Verteidigung und kann nicht mehr richtig zuhören. Achtsame Kommunikation kann hier ansetzen: innehalten, aktiv zuhören, nachfragen, das Gehörte zusammenfassen, respektvoll argumentieren.

Ist wertfreies Zuhören in einer Paarbeziehung möglich, vor allem, wenn man verärgert ist?

Michael Ottl: Ohne Engagement von beiden Seiten werden Beziehungen automatisch schlechter, weil uns immer Grenzüberschreitungen und Verletzungen begegnen. Ein Beispiel: Sarah und Jonas, beide berufstätig, haben sich abends zum Essen zuhause verabredet. Jonas kocht, Sarah kommt zu spät. Da fährt es ihm sofort heraus: Immer bist Du zu spät! Sarah fühlt sich angegriffen, der Streit beginnt. Ein achtsamer Jonas hätte womöglich bemerkt, dass er sauer ist und Sarah gehetzt. Dann hätte er die Freiheit zu sagen: Die Verspätung ärgert mich, denn ich habe alles vorbereitet und mich auf Zeit zu zweit gefreut. Dann hätte Sarah die Chance zu sagen: Alles hat länger gedauert und ich bin gestresst nach dem langen Arbeitstag. Und schon sind sie im Austausch über das Hier und Jetzt und setzen keine Vorwürfe in Du-Form ab. Ruhe und Verständnis können die Grundlage sein für Vereinbarungen in der Zukunft. Das kann einen Unterschied machen.

Können Paare auch nach vielen Jahren neue Wege des Gesprächs entdecken?

Michael Ottl: Wir lernen lebenslang und können immer unser Repertoire - auch Paare, die sich in etablierten Mustern zueinander verhalten. Aber es braucht Neugier und die Bereitschaft zu sagen: Um deinetwillen würde ich gerne Neues kennenlernen. Viel von dem, was junge Paare entdecken, erodiert in der Familienphase. Aber danach sind noch zwanzig, gar vierzig Jahre Zeit für neue Entdeckungsreisen. Da bedeutet Achtsamkeit, nochmal neugierig hinzuschauen.

Manchmal aber heißt es aus Notlage und Leidensdruck heraus: So wie wir als Paar leben, bin ich nicht mehr zufrieden. Dann ist Zeit, diesem wertvollen Hinweis nachzugehen und sich in einer Beratungsstelle einem Begleitprozess zu stellen. Wenn's im Auto ruckelt, nehmen Sie es doch auch ernst und bringen es in die Werkstatt.

Was raten Sie Paaren, deren Alltag zunehmend von Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Einschränkungen geprägt ist?

Michael Ottl: Einschränkungen können in allen Phasen des Lebens auftreten, nehmen aber im Laufe der Zeit zu. Dann wird es notwendig, einen Umgang mit der Endlichkeit zu finden. Man kann sie verdrängen und beschönigen, oder den Weg der Achtsamkeit einschlagen und den Ernst des Lebens anerkennen. Ich kann natürlich jammern, dass meine kranke Partnerin nicht an der Wanderung mit Freunden teilnehmen kann. Oder ich öffne mich und kommuniziere, dass es schmerzt, diese Aktivität nicht mehr gemeinsam unternehmen zu können. Dann sind wir auf einer Ebene, wo sich alle in Einschränkung, Verlust und Schmerz gesehen, sicher und unterstützt fühlen können.

Was ist an diesen Ansätzen besonders christlich?

Michael Ottl: Die Basis ist die Würde vor dem Leben und der Respekt vor der Entwicklung einer Person. Für mich verbindet sich dies mit der Botschaft aus dem Johannesevangelium, Menschen zu begleiten, damit ihr Leben in Fülle gelingen kann, trotz aller Begrenztheit. Das Angebot der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle ist weltanschaulich offen, humanistisch und nicht missionarisch ausgelegt.

Was passiert bei einem ihrer Workshops der Würzburger Paartage?

Michael Ottl: Wir werden Übungen zu achtsamem, zugewandtem Zuhören anbieten, die Paare für sich einüben können. Eine wird sein, gegenseitig und nacheinander von einem Kindheitserlebnis zu berichten. Da spürt die sprechende Person: So ist es also, etwas zu erzählen, was nichts mit dem Partner zu tun hat, aber für meine Kindheit wichtig war. Die zuhörende Person hört womöglich eine bislang unbekannte Geschichte und muss keine eigene entgegenstellen. Drei Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit sind ein unglaubliches Geschenk.

Wie gehen Sie mit Personen um, die ihrem Angebot skeptisch gegenüberstehen?

Michael Ottl: Tatsächlich saßen mir bei den letzten Paartagen zwei Herren gegenüber, die erzählt haben: Eigentlich wollte ich jetzt Schlachtschüssel essen mit meinen Kumpels. Aber meine Frau hat uns hier angemeldet. Da kann ich nur würdigen, dass er da ist und seiner Partnerin signalisiert: Du bist mir wichtig, auch wenn reizvolle Alternativangebote da sind. Ich möchte wieder an die Neugier plädieren und fragen: Können Sie etwas für Ihre Partnerschaft gewinnen, wenn Sie drei Stunden gemeinsam und aufmerksam an einem Ort verbringen? Mit ein paar Impulsen und kleinen Übungen können Sie Neues entdecken, das die Partnerschaft lebendiger und zugewandter machen kann - wahrscheinlich mehr als eine Schlachtschüssel oder das Handy.

Sebastian Haas

Workshops mit Michael Ottl

„Achtsamkeit in der Partnerschaft“ am 9. Oktober ab 18.30 Uhr. Aufmerksamkeit sich selbst und der anderen Person gegenüber ist ein vielfacher Wunsch in einer lebendigen Beziehung. Übungen und Experimente verhelfen dazu, einander ohne Bewertungen und mit Offenheit zu begegnen. „Was hast Du gesagt? Miteinander reden und sich verstehen“ gemeinsam mit Sabine Mayer am 20. Oktober ab 18 Uhr. Hier werden Kommunikationsmethoden erklärt, die Paare im Alltag anwenden können. Übungen zeigen, wie sich Gespräche und gegenseitiges Verstehen verbessern. Anmeldung erforderlich bis eine Woche vor Veranstaltungsbeginn bei der Beratung für Ehe-, Familien- und Lebensfragen der Diözese Würzburg, Telefon 0931 386-69000 oder E-Mail info@eheberatung-wuerzburg.de.

Die Würzburger Paartage sind eine Kooperation der Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Diözese Würzburg, des Generationen-Zentrums Matthias Ehrenfried, des Rudolf-Alexander-Schröder-Hauses und der Diakonie Würzburg. Das komplette Programm der Würzburger Paartage, die Möglichkeit zur Anmeldung, Eintrittskarten sowie Informationen zu allen Veranstaltungsorten gibt es auf www.wuerzburger-paartage.de.

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