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Mehr als nur Kaffee und Kakao

Mit erstaunlicher Sensibilität formen die großen Hände von Sabino Tupa Llavilla den rötlichen Ton zu Kugeln und Stäbchen. Zügig, wie einem unsichtbaren Plan folgend, fügt der Peruaner mit den dunklen Augen und den Silbersträhnen im pechschwarzen Haar Stück für Stück zusammen. Mit einem einfachen Holzstäbchen arbeitet er Gelenke, Hautfalten und Fingernägel heraus. Und wenig später ist die typische Tupa-Hand fertig – spannungsgeladen, knochig, expressiv. Die Zuschauer, die Sabino Tupa an diesem Morgen im FAIR-Handel Münsterschwarzach bei seiner filigranen Arbeit beobachten konnten, kamen aus dem Staunen nicht heraus.
Die beinahe übergroßen Hände und die zerfurchten, ausdrucksstarken Gesichter seiner Figuren sind zu einem Markenzeichen des Keramikers Sabino Tupa Llavilla (Jahrgang 1951) geworden. Seit seinem 13. Lebensjahr arbeitet der Peruaner, der heute zu den führenden Expressionisten seines Heimatlandes gehört, mit Ton und entlockt dem erdigen Material Figuren von Menschen aus seinem Heimatdorf Cusco.   Die Menschen, die in dem auf 3300 Metern Höhe liegenden Andendorf leben, führen ein hartes Leben; mehr als die schwere Arbeit mit den Händen bleibt ihnen oft nicht.   Auch Tupa hat als junger Mann viel Leid erlebt; die Zeit des peruanischen Bürgerkriegs und der Tod zweier Geschwister haben Spuren hinterlassen – in der Seele des Künstlers und in seinen Kunstwerken. Doch wie so oft hat auch bei ihm die Zeit so manche Wunden geheilt: Tupa, der gerade Opa geworden ist, ist mit den Jahren milder geworden, seine Figuren weicher und farbiger.   Über die Jahrzehnte geblieben ist jedoch die enge Beziehung zu seinen Werken. In jedes einzelne Stück legt Tupa ein ganzes Universum von Empfindungen. „Sabino denkt beim Tonen nicht, sondern er fühlt“, umschreibt es FAIR-Handel-Geschäftsführer Klaus Brönner, und Tupa fügt auf Spanisch hinzu: „Meine Arbeiten sind wie Kinder für mich. Wenn ein Stück zerbricht, ist es, als ob einem von ihnen etwas zustoßen würde.“  

Biblische Themen

Weil er selbst ein „sehr religiöser Mensch“ sei, gestaltet Tupa am liebsten biblische Themen: Das Spektrum reicht von der alttestamentlichen Arche über Anden-Krippen und Szenen aus der Weihnachtsgeschichte bis hin zu Leidensdarstellungen und Kruzifixen. Mit seiner „Taytacha de los temblores“ (Schwarzes Kreuz von Cusco) errang Sabino Tupa heuer gar den ersten Platz des nationalen Kunsthandwerkerpreises, der seit 20 Jahren von der Künstlervereinigung und Handelsorganisation Inti Raymi ausgelobt und vom FAIR-Handel Münsterschwarzach unterstützt wird.   Inti Raymi ist es auch zu verdanken, dass Tupa mittlerweile auch in Eu­ro­pa bekannt und geschätzt ist. Gegründet wurde die heute weltweit agierende Organisation von Orlando Vasquez (geboren 1953 in Lima) und seiner deutschen Frau Linda Kellhammer. In Nuevo Lurin, etwa 40 Kilometer südlich von Lima, eröffnete das Paar 1982 eine erste Künstler-Werkstatt, um den Menschen aus ländlichen Andenregionen wie Ayacucho eine Lebensperspektive zu verschaffen. Gerade sie, die Ärmsten der Armen, traf der Bürgerkrieg zwischen Staatsmacht und der maoistischen Rebellen-Bewegung Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) damals am ärgsten.   Immer wieder standen sie in dem blutigen Guerilla-Krieg, der rund 70 000 Todesopfer forderte, zwischen zwei Feuern, und so flüchteten viele schließlich nach Nuevo-Lurin. Für sie wurde das Kunsthandwerk zur oft einzigen Einkommensquelle, die Werkstätten von Orlando Vasquez zum Rettungsanker.  

Fest der Sonne

Als sich mit den Jahren immer mehr Kunsthandwerker aus ganz Peru anschlossen, war die Kunsthandwerker-Vereinigung Inti Raymi geboren. Während man mit der Namensgebung (Fest der Sonne) bewusst an die alte Inkakultur anknüpfen wollte, wiesen die Ziele von Anfang an in die Zukunft: Erklärte Hauptanliegen sind die Förderung des peruanischen Kunsthandwerks, faire Preise und Arbeitsbedingungen sowie die Verbesserung der Lebensqualität durch Sozial-Programme und Investitionen.   Mittlerweile gehören der Organisation etwa 200 Künstler an, die mit den unterschiedlichsten Materialien und in den verschiedensten Techniken und Stilrichtungen arbeiten. In Nuevo Lurin ist ein regelrechtes Handwerkerdorf mit Wohneinheiten, Werkstätten, Schulungsräumen, einem kleinen Museum sowie einer Gesundheitsstation entstanden; außerdem können die Handwerker günstige Kredite zur Anschaffung von Rohmaterialen oder für Investitionen in Anspruch nehmen.  

Produkte aus Alpaka

Einen guten Teil der dafür notwenigen Gelder erwirtschaftet die Firma Raymisa S.A, die den Vertrieb der Waren übernimmt. Während der lokale Markt sich im Wesentlichen auf Touristen beschränkt, gehen 95 Prozent der Produkte nach Europa, wo sie über FAIR-Handels-Organisationen verkauft werden. In Deutschland ist der FAIR-Handel Münsterschwarzach einer der wichtigsten Handelspartner von Inti Raymi, die Auswahl an Tupa-Stücken ist hier gar bundesweit einzigartig.   Ein weiteres Produkt, das auch Vasquez’ Sohn am Herzen liegt, sind Textilien aus Alpakawolle. In Münsterschwarzach berichtete Jano Vasquez Kellhammer, der bei der peruanischen FAIR-Handelsorganisation Raymisa in der Produktentwicklung und Vermarktung tätig ist, vom Alpaka-Projekt in Tinki, einem unwirtlichen Andendorf auf 4200 Metern Höhe. „Die Haupterwerbsquelle der dort lebenden Q’ero-Indianer ist seit alters her die Alpakazucht“, so Vasquez. Aus Unwissen hätten die Alpakeros ihre edle, hochpreisige Alpaka-Wolle jedoch weit unter Wert verkauft, Inzucht unter den Alpakas habe zudem zu einer Verschlechterung der Wollqualität und damit zu schlechteren Preisen geführt. „An diesem Punkt haben wir vor 20 Jahren angesetzt“, erzählt Vasquez.  

Hohe Woll-Qualität

Neue Tiere wurden finanziert, eine Solarwaschanlage gebaut, Spinngeräte angeschafft und die  Menschen über die richtige Zucht, Haltung und Schur der Tiere informiert. „Allein durch die Trennung der Wolle in verschiedene Qualitäten bekommen die Alpakeros heute erheblich mehr für ihre Ware“, so Vasquez stolz. Enorme Fortschritte habe man auch auf dem Gebiet der Verarbeitung gemacht. Statt dicker Pullover in traditionellen Mustern gibt es heute Kleidung in verschiedensten Farben, Qualitäten und Strickarten.   Vor allem die Thermoqualität der Wolle – im Winter wärmend, im Sommer kühlend – finde bei den Kunden Anklang und sorge dafür, dass die Produzenten nicht mehr vom „Winterprodukt“ Alpaka abhängig sind. „Inti Raymi und der Faire Handel erweisen sich einmal mehr als Riesenchance für die Menschen und die Entwicklung des Landes und sie zeigen, dass Peru mehr zu bieten hat als nur Kaffee und Kakao“, so Vasquez.
Anja Legge