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Leiterin der Würzburger Palliativakademie fordert gute Begleitung am Lebensende

Juliusspital Würzburg
Vor 25 Jahren hat die Stiftung Juliusspital die erste Palliativstation im Bistum gegründet. In der Palliativakademie erhalten medizinisches Personal, Helfende und Angehörige zudem Fachwissen. Deren Leiterin Birgit Müller-Kolbert spricht im Interview über Ziele und Angebote.

Frau Müller-Kolbert, das Juliusspital blickt in diesem Jahr auf eine 450-jährige Tradition christlicher Nächstenliebe zurück. Welche Bedeutung hat dieses Erbe für die Palliativakademie?

Als sich die Stiftung Juliusspital vor 25 Jahren entschieden hat, eine Palliativakademie ins Leben zu rufen, war das weit mehr als die Gründung einer Weiterbildungseinrichtung. Es war das Bekenntnis: Schwerkranke und sterbende Menschen würdevoll zu begleiten, braucht Fachwissen – aber ebenso Mut, Haltung und die Bereitschaft den eigenen Blick zu weiten. Ich finde, dass dieses Bekenntnis die christlichen Werte wunderbar abbildet. Darüber hinaus sind wir in der Palliativakademie stets bemüht, durch unsere vielfältigen Angebote die Teilnehmenden zu stärken, damit sie durch die hinzugewonnenen Kompetenzen professionell weiterarbeiten können.

An wen richten sich Ihre Angebote?

Unsere medizinischen und pflegerischen Fortbildungen sprechen natürlich vorrangig Ärzte und Pflegekräfte an. Für die psychosozialen und spirituellen Angebote bis hin zu Auseinandersetzungen mit ethischen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragestellungen melden sich unterschiedliche Berufsgruppen an. Menschen, die im Bereich psychosozialer Berufe tätig sind, Therapeuten, Pädagogen, professionell Begleitende, Seelsorger und Medizinische Fachangestellte. Wir haben neben den Qualifizierungsangeboten aber auch Vorträge für die interessierte Öffentlichkeit. (Siehe Beispiele auf der rechten Seite)

Wo sehen Sie in der Gesundheitsversorgung den größten Handlungsbedarf, damit sterbende Menschen nicht allein gelassen werden?

Eine gute Gesundheitsversorgung in der letzten Lebensphase bedeutet nicht nur medizinische Behandlung, sondern auch menschliche Begleitung, würdevolle Pflege und Unterstützung für die Angehörigen. Vielen Einrichtungen ist der Erhalt der Würde am Lebensende wichtig, und dennoch gibt es noch viel zu tun. Wir haben am Beispiel der Corona-Pandemie gesehen, wie beeinflussbar dieses Ziel sein kann. Es braucht neben einem flächendeckenden Verständnis, dass eine gute Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen an zeitliche und personelle Ressourcen gekoppelt ist, auch eine Haltung, Menschen in ihrer Individualität und Persönlichkeit zu respektieren. Sicherlich ist hierbei nicht eine einzelne Maßnahme maßgebend. Sondern die Verzahnung unterschiedlicher Systeme wie beispielsweise von ambulanter und stationärer Versorgung. Es gilt, weiterhin unterstützende Angebote für Angehörige auszubauen – sie tragen häufig einen großen Teil der Versorgung. Informationen zu diesen Angeboten müssen leicht zugänglich sein. Die Möglichkeit, einen frühzeitigen Zugang zu einer Palliativversorgung zu haben, kann entlastend sein. Darüber hinaus bleibt die Herausforderung, dass es im Sinne des demografischen Wandels mehr ältere Menschen geben wird und wir uns bei weniger Begleitenden weiterhin um ein würdevolles Abschiednehmen bemühen müssen. Damit nicht der Eindruck entsteht, zur Last zu fallen.

Welche Rolle spielt die spirituelle Begleitung in Ihrem Programm?

In Kursformaten, die mit einer Qualifikation abschließen, ist ein Curriculum der deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin hinterlegt, es berücksichtigt die berufsgruppenspezifischen Besonderheiten. In allen diesen Kursen ist das Thema Spiritualität verankert. Zumal Cicely Sanders, die Begründerin der Hospizbewegung, den Begriff von „total pain“ definierte und somit das Leiden eines Menschen alle physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimensionen umfasst. Darüber hinaus haben wir auch ein zweitätiges Seminarangebot, das sich ausschließlich mit den existenziellen Fragen am Lebensende auseinandersetzt.

Die katholische Kirche betont die unantastbare Würde jedes Menschen – auch im Sterben. Wie prägt dieses Menschenbild Ihre Arbeit?

Lernen bedeutet nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern Begegnung mit Menschen, mit Schicksalen und mit sich selbst. Ich verstehe die Palliativakademie als einen Ort, an dem palliative Haltung lebendig bleibt. Es braucht Kompetenzen, die Fähigkeit zur Reflexion, Empathie und die Gewissheit, dass Würde immer dort entsteht, wo Menschen einander mit Aufmerksamkeit begegnen – jeden Tag.

Wie gehen Sie mit der aktuellen gesellschaftlichen Debatte über assistierten Suizid um?

Wir möchten auch hier in erster Linie aufklären, indem wir Wissen zur Verfügung stellen. Darüber hinaus haben wir ein Angebot in Form einer Schulung, die den Umgang mit Todeswünschen trainiert. In simulierten Gesprächssituationen mit Schauspielenden geht es darum, den Menschen, die Todeswünschen geäußert haben, einfühlsam, klar und achtsam zu begegnen, um in Folge eine größere Sicherheit im Umgang mit diesen Fragestellungen zu erlangen. Somit ist unser Ansatz präventiv ausgerichtet.

Angehörige erleben die letzte Lebensphase eines geliebten Menschen als große Belastung. Wie können Begleiter Mitgefühl, Respekt und christliche Hoffnung vermitteln?

Ein Begleiten von Menschen am Lebensende einschließlich deren Zu- oder Angehörigen erfolgt immer in einem Dialog. Es gilt aufbauend auf der Biografie eines Menschen herauszufinden, welche Bedürfnisse gerade bestehen. In unseren Kursangeboten zeigen wir auf, welche grundlegenden Aspekte in der Kommunikation gegeben sein sollten. Hierbei ist ein wesentlich zentraler Baustein, gut zuhören zu können und offen zu sein, und nicht im Vorfeld zu wissen was gerade gebraucht wird.

Eines Ihrer Angebote heißt „Mitfühlen, ohne zu zerbrechen“. Wie schützen Sie sich selbst und was raten Sie anderen?

Tatsächlich zeichnet sich eine palliative Versorgung durch den persönlichen Einsatz und die Empathie in der Begleitung aus. Im Seminarraum ist es möglich Mitzufühlen und gleichzeitig die notwendige professionelle Distanz einzuhalten. Schwieriger ist es allerdings, wenn Situationen gegeben sind, die eine persönliche Nähe zum eigenen Erleben mit sich bringen. Hier versuchen wir, Angebote zu machen. Idealerweise auf präventive Art und Weise. Ich selbst bemühe mich im Alltag im Innehalten und mit einigen tiefen Atemzügen vor dem nächsten Termin. Am Wochenende darf „das tiefe Durchatmen“ mit meiner Familie gerne bei einem Waldspaziergang etwas ausgiebiger sein. Darüber hinaus ist es wohltuend zu sehen, was man als Team gemeinsam schaffen kann. Deshalb empfehle ich, sich immer wieder bewusst als Team auf den Weg zu machen. Im gemeinsamen Austausch lernen wir voneinander und miteinander.

Rund um Stiftung und Akademie

Geschichte: Die Stiftung Juliusspital feiert 2026 ihr 450-jähriges Bestehen. Vor 25 Jahren haben Chefarzt Dr. Rainer Schäfer, Oberpflegamtsdirektor Dr. Georg Schorn und Günter Schuhmann die erste Palliativstation Unterfrankens und die Juliusspital Palliativakademie gegründet. 2008 folgte die zweite Palliativstation, 2010 der Ambulante Palliativdienst zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, 2013 das stationäre Juliusspital Hospiz. Ergänzt wird das Angebot durch ein Brückenteam des Hospizvereins, das Menschen beim Übergang zwischen stationärer und häuslicher Versorgung begleitet. Günter Schuhmann hat die Palliativakademie von 2001 bis 2024 geleitet, ihm folgte Birgit Müller-Kolbert nach.

Fachwissen: Noch bis 21. August ist in der Juliusspital-Pallitivakademie (Juliuspromenade 19, Würzburg) die interaktive Ausstellung „In Würde Abschied nehmen“ der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege zu sehen. Sie richtet sich an Fachpersonal und Hospizbegleiter. Erforderlich ist eine Anmeldung unter www.bgw-iwan.de/event/in-wurde-abschied-nehmen. Die Akademie veranstaltet zudem am Samstag, 10. Oktober, von 9.30 bis 16.30 Uhr für Fachpersonal das Symposium „Von der Vision zur gelebten Praxis“. Infos und Anmeldung unter www.juliusspital-palliativakademie.de.

Öffentliche Angebote: Beim allgemeinen Tag der offenen Tür der Stiftung Juliusspital am Samstag, 19. September, von 11 bis 17 Uhr stellt auch das Palliativzentrum seine Arbeit vor. Im Programmheft der Akademie sind zudem viele Angebote frei zugänglich, zum Beispiel „Eigene Grenzen (an-)erkennen“ am 22. September, „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen – auch am Lebensende?“ am 30. September, „Vertrauen und Verantwortung im Gesundheitswesen – Bedeutung und Implikation“ am 14.Oktober, „Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht“ am 21. Oktober oder „Wahrheit und Lüge in der Palliativsituation“ am 27. Oktober.

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