Rainer Aberle, Jahrgang 1962, stammt aus Freudenstadt im Schwarzwald. Nach dem Abitur studierte er Katholische Kirchenmusik in Rottenburg (Bachelor) und Regensburg (Master). Ein Pädagogikstudium im Anschluss beendete er als Diplom-Musiklehrer. Zusätzlich absolvierte Aberle ein Aufbaustudium im Künstlerischen Orgelspiel an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen. Von 1986 bis 1990 wirkte er als hauptamtlicher Dekanatskirchenmusiker in Dunningen (Bistum Rottenburg-Stuttgart). Von 1990 bis 2022 arbeitete Aberle als Regionalkantor in Schweinfurt und als Amtlicher Orgelsachverständiger.
Herr Aberle, welches Weihnachtslied ist Ihr liebstes und warum?
Mein liebstes Weihnachtslied steht im Gotteslob unter Nummer 241: „Nun freut euch, ihr Christen“. Die Melodie kommt einer Hymne gleich, ist festlich und prächtig. Wenn man den Text anschaut, die Freude über das neugeborene Kind, unseren Heiland, über die Offenbarung Gottes in der Niedrigkeit der menschlichen Gestalt – dieses Lied überwältigt mich jedes Jahr aufs Neue. Das ist eine einzigartige Liebeserklärung an uns Menschen.
Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem persönlichen Glaubensleben?
Musik ist mehr als Worte sagen können. Ich habe als Ministrant angefangen, Kirchenmusik bewusst zu erleben und sang dann im Knabenchor. Mit meinem kirchenmusikalischen Auftrag, dem ich mich schon als Jugendlicher verschrieben habe, begleite ich Generationen von Menschen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, alte Menschen, frohe Menschen oder traurige Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten. Wenn ich eine Taufe musikalisch mitgestalten darf oder eine Firmung, eine Hochzeit oder einen Trauergottesdienst – dann ist das für mich musikalische Seelsorge.
Welche Bedeutung kommt der Musik in der Liturgie zu?
Musik unterstreicht und vertieft das gesprochene Wort. Als Kirchenmusiker muss ich in der Lage sein, das Wort Gottes in Klänge zu übertragen und eine Atmosphäre zu schaffen, die auf das Geheimnis, das wir feiern, einstimmt. Dafür ist die Kunst der Improvisation besonders geeignet. Ein Beispiel: Wenn ich im Gottesdienst zum Credo einen Wechselgesang mit einem Kantor gestalte und es kommt die Stelle „am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel“, begleite ich auf der Orgel diesen Text von unten nach oben. Damit vermittle ich Menschen, die den Satz gerade hören: Jetzt in diesem Moment findet Ostern statt!
Welche Herausforderungen gibt es bei der Auswahl von Musikstücken für den Gottesdienst?
Wenn ich einen Gottesdienst vorbereite, dann muss ich mir Gedanken machen, wer überhaupt zum Gottesdienst kommt. Welches liturgische Format ist musikalisch zu gestalten? Lieder und Musik sollten den Texten, den Mitfeiernden und dem Anlass gerecht werden. Musik und gesprochenes Wort müssen für die Gläubigen zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis werden, das im besten Falle in die Gesellschaft hinauswirkt.
Wie beschreiben Sie das Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation in der Kirchenmusik?
Dazu muss man fragen: Was hält die Kirche zusammen? Es ist der Glaube in seinem Wesenskern. Dieser drückt sich in der Musik aus. Die Weitergabe der Reich-Gottes-Verkündigung, das biblische Fundament und das Leben von Jesus Christus in das Heute zu übersetzen – dazu brauchen wir alte und neue Formen. Melodien, die Menschen berühren. Ob es jetzt der feierliche Gregorianische Choral oder eine zeitgenössische, vielleicht jazzige Musik ist. In diesem Spannungsfeld zwischen alt und neu ist Musik geradezu prädestiniert, in ihrer Vielfalt unterschiedliche Glaubenszugänge zu befördern.
Als Sie vor fast drei Jahren Diözesanmusikdirektor wurden, haben Sie die musikalische Förderung in der Kinder-, Jugend- und Familienpastoral als persönlichen Schwerpunkt benannt. Warum?
Leider hat die Coronapandemie eine riesige Delle in der Chormusikarbeit hinterlassen. So sind Chöre kleiner geworden, teilweise so klein, dass ihre Existenz nicht fortbestehen konnte. Unsere Gottesdienste werden immer leerer, Familien sieht man kaum noch, dabei singt jedes Kind gerne. Aber man muss auch mit dem Kind singen und das ist nicht überall gewährleistet. Kinderchorarbeit, wie ich sie mir vorstelle und wie sie auch in unserer Diözese an vielen Stellen gepflegt wird, bringt Familien in nachhaltigen Kontakt zur Kirche. Kinder werden zu Glaubensboten. Sie verkündigen den Schatz des Evangeliums mit ihrer Musik. Das klingt alles enorm großartig und hoffnungsvoll, allein uns fehlt vielerorts das Fachpersonal.
Was konnten Sie bisher in der Kinder-, Jugend- und Familienpastoral erreichen?
Ich würde die Erfolge sehr realistisch als kleine Pflänzchen sehen, die noch wachsen müssen. Das erste, was wir gemacht haben, war einen Spezialisten für diesen Fachbereich einzusetzen. Dieser Kollege, sein Name ist Christian Stegmann, hat dieses Jahr zum ersten Mal eine Ausbildung für das Singen mit Kindern angeboten. Methodisch, didaktisch, stimmbildnerisch. Und tatsächlich hat auch eine der Teilnehmerinnen einen Kinderchor gründen können, der heute besteht. Insofern darf man durchaus positiv in die Zukunft blicken, wenngleich man auch sagen muss, dort, wo wir diese Menschen nicht haben, ist es ungleich schwieriger geworden überhaupt etwas auf die Beine zu stellen. Deswegen gibt es bei unseren Versuchen immer wieder Enttäuschungen, wenn wir feststellen, dass es niemanden gibt, der die Kinder anleitet.
Was, glauben Sie, sind die langfristigen Trends im Bereich der Kirchenmusik?
Kirchenchöre werden kleiner. Es wird mehr Projektchöre geben. Die Regelmäßigkeit im Chorgesang wird weiter abnehmen. Menschen binden sich nicht mehr wie früher. Das stellen auch Vereine fest. Und was ganz prekär ist: Viele junge Leute studieren heute nicht mehr Musik. Sowohl Kirchenmusik als auch Musikpädagogik. In Konsequenz werden wir auch Schüler verlieren, für die einfach kein Lehrer mehr da ist. Ich glaube auch, dass weniger Menschen Kirchenmusik studieren, weil sie sagen: Ich weiß ja nicht, wie in zehn, 20 und 30 Jahren die Kirche noch als Arbeitgeber funktionieren wird. Und wir werden Zeiten sehen, in denen nebenamtliche Musiker den hauptamtlichen Kirchenmusiker mindestens teilweise ersetzen. Da tut die Kirche gut daran, das Ehrenamt in der Zukunft sehr stark zu fördern.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Zuversicht. Kirche und Kirchenmusik müssen sich den Herausforderungen in der heutigen Zeit und auch in Zukunft stellen, dürfen aber auch Zuversicht ausstrahlen. Das spiegelt sich in einem wunderschönen Lied im Gotteslob wider: In „Sonne der Gerechtigkeit“, das ist die Nummer 481. Denn dieses Lied bringt Herausforderungen und Zuversicht zusammen. Das begleitet mich immer wieder und und gibt mir persönlich Trost für die Zukunft.
Interview von Angelina Horosun



