Beide haben sie Probleme mit der Glaubwürdigkeit; beide sind sie von heute auf morgen mit veränderten Rahmenbedingungen konfrontiert worden: die katholische Kirche in Deutschland durch den Pontifikatswechsel von Benedikt zu Franziskus und die Politik durch das Ergebnis der Bundestagswahl.
Beide sind dadurch vor neue Herausforderungen gestellt worden; auch wurde ihnen signalisiert, dass Aufgabenstellungen falsch oder ungenügend angegangen beziehungsweise schlichtweg ganz ignoriert, dass Schwerpunkte falsch gesetzt wurden. Den einen hat es der Papst gesagt, den anderen der Wähler. Und beiden sind auf diese Weise nicht nur Defizite aufgezeigt und Aufgaben gestellt, sondern auch Chancen vor Augen geführt und Freiräume eröffnet worden.
Zwar mögen die Gemeinsamkeiten zwischen der Kirche als Institution mit übernatürlicher Orientierung, die in Jahrhunderten denkt, und einem sich an Umfragen ausrichtenden Politikbetrieb, dessen Bezugsgröße Legislaturperioden von fünf Jahren sind, begrenzt sein. Und doch kann es für beide Seiten nützlich sein, wenn sie Parallelen ziehen und auch das wahr- und ernstnehmen, was jüngst dem jeweils anderen ins Stammbuch geschrieben wurde.
So hat der Wähler die Grünen wohl auch deshalb abgestraft, weil sie zu sehr als Moral-Instanz wahrgenommen wurden, die Menschen ihre Verhaltensweisen vorschreiben will; zu diesem Thema hat auch Papst Franziskus seiner Kirche einiges gesagt. Oder die FDP: Das schlechte Wahlergebnis hatte auch mit der Konturlosigkeit der Partei zu tun; der Wesenskern war nicht mehr zu erkennen. Auch da Parallelen zur Kirche?
Dazu noch, quer durch alle Parteien und zentral in Sachen Glaubwürdigkeit: Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Worten und Papieren und der Praxis. Natürlich gibt es die auch in der Kirche – wird es immer geben. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Umkehr, Konzentration auf das Wesentliche, Dienen empfiehlt der Papst. Im Grunde nichts Neues; nur dass Kirche sich dabei allzu oft selbst im Weg steht.
Wolfgang Bullin
