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      Helfen, wo Hilfe nötig ist

      Die Tür öffnet sich, im gelbgestrichenen Flur ist es warm, ein kleiner Junge saust durch den Flur. Lächelnd zieht die 34-jährige Zalikhan Visaitov den schwarzen Schleier vor den Mund. Auf der Küchenbank sitzen zwei ihrer sechs Söhne, Akhmed und Adam. Was ein Dolmetscher ist, weiß der 13-jährige Akhmed zwar nicht, aber er übersetzt in gebrochenem Deutsch. In den freundlich blickenden, dunklen Kinderaugen liegt etwas Tiefgründiges. Akhmed hat schon viel gesehen – Dinge, die kein Erwachsener, erst recht kein Kind je sehen sollte. Die Großfamilie ist vor sieben Jahren aus ihrer Heimat Tschetschenien geflohen.
      Erst gelangten sie nach Polen, dann nach Frankreich – nirgends waren sie willkommen. Nun versuchen seine Eltern, Zalikhan und ihr Ehemann Rustam (37), mit der Familie in Deutschland zu bleiben. Die Söhne sollen ohne Terror und Gewalt aufwachsen. Zirndorf war ihre erste Station, wie für alle Flüchtlinge, die nach Bayern kommen. Da die Großunterkunft aber hoffnungslos überlastet ist, kam die Familie schon wenige Wochen später ins unterfränkische Tückelhausen. Ein alter Gasthof dient nun rund 30 Personen als Gemeinschaftsunterkunft (GU). Pfarrer Klaus Oehrlein, der unweit der Unterkunft wohnt, sieht es als eine Christenpflicht, Menschen die Herberge und Schutz suchen, unterzubringen. Wie viele andere Bürger des Ortes hat aber auch er Zweifel, ob das Gebäude dafür adäquat ausgestattet ist. Im Dorf pflegt ein Großteil der Bürger auch Monate nach dem Einzug der Asylbewerber Zurückhaltung. Sich dem Fremden anzunähern, braucht für die meisten Menschen Zeit. „Wir beide sind aber froh darüber, dass keine Stimmung gegen die Flüchtlinge gemacht wird und den Helfern niemand in den Rücken fällt“, sagt Dunja van Heek. Sie und ihr Lebensgefährte Alexander Fuhl nahmen sich vor rund einem Jahr der Flüchtlinge an. „Die Leute standen mit ihren Kindern und Koffern im Schnee, hatten Hunger und Durst. Sprachen kein Wort Deutsch. Nachdem die örtliche Presse ein Foto gemacht und der Bürgermeister sie begrüßt und die Kinder mit Bällen beschenkt hatte, standen sie da – und keiner half“, berichtet sie. Kurzerhand besorgte das Paar das Nötigste für die ersten Tage, versorgte die Familien mit Nahrungsmitteln, Decken, Handtüchern. Kopfschüttelnd, mit geröteten Wangen und ärgerlich funkelnden Augen erinnert sie sich an diese Szene: „Da konnte man doch einfach nicht wegsehen. Das geht doch nicht. Man holt sie her – und lässt sie im Regen stehen!“   Die Menschenin der GU haben sich rund ein Jahr nach ihrem Einzug mit den Gegebenheiten arrangiert. Geholfen hat ihnen dabei ein kleiner Kreis helfender Hände; mit wöchentlichem Deutschunterricht, Bastelnachmittagen für die Kinder und mit Sach- oder Geldspenden. Dunja van Heek freut sich über die Hilfe weiterer Ehrenamtlicher. Denn viel Zeit bleibt ihr am Tag nicht für Privates. Neben der eigenen Patchworkfamilie mit insgesamt sechs Kindern widmet sie sich den Menschen, wie sie sagt, „die uns vor die Füße geworfen wurden.“ Ihr Partner verteilt als Mitarbeiter des Landratsamtes täglich das Essen und erledigt Hausmeisterarbeiten. So entstand der Kontakt in die GU. Doch dabei ist es nicht geblieben. Es menschelt zwischen den Kulturen, Alexander Fuhl kann nicht einfach Dienst nach Vorschrift tun. Allein schon deshalb nicht, weil die Flüchtlinge die deutsche Sprache nicht sprechen. „Die Essenslisten, die die Leute ausfüllen müssen, sind auf Deutsch. Also hat meine Partnerin eine Dolmetscherin bestellt, die die Listen übersetzt.“ Für die Cateringfirma, die das Essen – finanziert vom Landratsamt – zusammenstellt, müssen die Listen wöchentlich wieder umgetragen werden. Das Paar erledigt diese Arbeit jeden Sonntagabend. Dunja van Heek ist eine energische Frau – schon einige Male hat sie Gegenwind seitens der Behörden bekommen, weil sie wiederholt auf Missstände aufmerksam gemacht hatte: Die Kinder sollten nach Würzburg zur Schule gehen. Mehrere Polizeieinsätze waren die Folge, weil Kinder auf dem Schulweg verloren gingen. Sie hatten sich nicht zurechtgefunden, die Eltern, hilflos, waren in großer Sorge. Dunja van Heek erbost sich darüber. „Hätte ihnen auch nur einer mal den Weg mit Bus und Bahn gezeigt, dann hätte man sich viel Ärger erspart.“ Vom kleinen Problem bis hin zur Überzeugungsarbeit und dem Ringen um Verständnis – van Heek und ihr Lebensgefährte versuchen, Hürden aus dem Weg zu räumen, die sich regelmäßig auftürmen. So vieles gibt es, das organisiert werden muss. Und bei allem brauchen die Asylbewerber Hilfe. „Wir bräuchten ein bis zwei Leute, die sich täglich kümmern und das Bürokratische in die Hand nehmen.“ Diesen Wunsch hat das Paar. Weil sie bisher diese Arbeit tun, dies aber nicht in offiziellem Auftrag, kassierten sie häufig Nackenschläge. Alexander Fuhl versteht nicht, dass viele diesen Menschen unterstellen, sie würden dem Sozialstaat auf der Tasche liegen. „Sie wissen einfach nicht, wohin. Wer kann denn ermessen, was sie erlebt haben?“, sagt Dunja van Heek. „Ich weiß von einigen Dingen, die Akhmeds Eltern in zwei Tschetschenien-Kriegen erlebt haben. Das ist für uns nicht vorstellbar.“ Ihrem Eindruck nach sind die Flüchtlinge krank, an Körper und Seele. Angstzustände, Kopfschmerzen, Schlafstörungen. Die Ärzte verschreiben ihnen starke Medikamente, weiß die Ehrenamtliche, „das sind keine harmlosen Arzneien. Wir holen sie schließlich aus der Apotheke.“ Nach zwei bis drei Monaten gehe es den meisten langsam besser. Doch bis dahin sind sie mit der deutschen Bürokratie, der fremden Sprache und den alltäglichen Hürden überfordert. Und niemand von ihnen weiß, wie lange sie nun an diesem Ort bleiben können. Noch ist nicht sicher, ob die Asylanträge der Einzelnen genemigt werden und sie dauerhafte bleiben können – die Verfahren laufen noch, jeden Tag droht die Abschiebung. Die Ungewissheit belaste alle, die hier wohnen, sagt Alexander Fuhl – auch ihn und seine Familie. In ihrem geräumigen Jugenstil-Haus mit dem charmanten Erker und den verspielten Sprossenfenstern sind die Renovierungsarbeiten momentan zum Erliegen gekommen – anderes hat jetzt Vorrang. „Viel Platz ist da – warum nicht auch die eigene Tür öffnen?“ dachten sie sich im letzten Jahr. Kurzerhand vergab das Paar die Erdgeschoss-Wohnung an zwei Familien. Deren drei kleine Töchter toben durch den Garten. „Spielen – das mussten die Kinder erstmal lernen. In Tschetschenien spielt niemand auf der Straße.“ Warum sie diese Fremden so nah an sich, an ihre Familie heranlässt? Dunja van Heek schweigt einen Moment. „Weil es mich wütend macht, dass sie vielfach von hoher Stelle nicht gut behandelt werden, keiner fühlt sich verantwortlich für sie, setzt sich für sie ein.“    Vieles, das mit den Flüchtlingen in der GU zu tun hat, vermischt sich mit dem alltäglichen Leben der Großfamilie. Unzählige Telefonate führen Dunja van Heek und ihr Lebensgefährte mit Behörden und Anwälten, mit Ärzten und Schulen. „Der NKD ruft bei uns an, wenn Akhmeds Vater Kleidung für die Kinder mit einem Gutschein abholen möchte – dieser Gutschein ist aber auf seine Frau ausgestellt. Uns fragt man, ob das seine Richtigkeit hat.“ Neben vielen negativen Erlebnissen und Rückschlägen weiß Dunja van Heek aber auch von vielen freundlichen und hilfsbereiten Menschen zu berichten – seien es die Arzthelferinnen, der Apotheker oder eben die NKD-Mitarbeiterin. Manche wollen eben einfach nur helfen.