Grünewalds Stuppacher Madonna fasziniert – und zwar Gläubige, Kunstinteressierte und Experten gleichermaßen. Seit 1812 hängt das berühmte Marienbildnis des Malers Matthias Grünewald in der Pfarrkirche Mariä Krönung in Stuppach, einem kleinen Ort bei Bad Mergentheim (Diözese Rottenburg-Stuttgart). Auch für Kunstliebhaber und Marienpilger aus dem Bistum Würzburg lohnt ein Besuch bei der Madonna – um so mehr, als das Meisterwerk 2012 umfassend restauriert wurde und nun in neuer Leuchtkraft erstrahlt.
„Wohl kaum ein Marienbild ist wundersamer in den Tönen seiner Farben, verhaltener und erregender in seinen Zeichen, umfassender und dichter in seinen Symbolen“, umschreibt eine in Stuppach ausliegende Handreichung die Gründe für die ungeheure Anziehungskraft dieses 500 Jahre alten Bildes. Geschaffen hat es Matthias Grünewald, der neben Albrecht Dürer, Lucas Cranach und Hans Holbein als einer der größten Meister seiner Zeit gilt.
Ein Multitalent
Die Identität Grünewalds liegt weitgehend im Dunkeln: Vermutlich wurde der Maler, Baumeister und Wasserbautechniker, der wohl mit Mathis Gothart Nithart (Initialen: MGN) identisch ist, um 1480 in Würzburg geboren; von 1490 bis 1495 war er in Aschaffenburg tätig, dann in Seligenstadt und Mainz. Nach dem Ausscheiden aus dem Hofdienst verdiente er seinen Lebensunterhalt als Seifensieder in Frankfurt am Main und als Wasserkunstmeister in Halle an der Saale, wo er im August 1528 starb. Von Grünewalds herausragendem Werk sind nur wenige Stücke erhalten, eines davon hängt in jenem hohenlohisch-fränkischen Dorf Stuppach. Ursprünglich war das Bild (1514 – 1519) der Mittelteil eines dreiflügeligen Maria-Schnee-Altars für die Stiftskirche St. Peter und Alexander in Aschaffenburg. Auftraggeber waren die Stiftskanoniker Heinrich Reitzmann und Kaspar Schantz, die das Maria-Schnee-Fest in Aschaffenburg etablieren wollten: In der Nacht auf den 5. August 352 soll nämlich Maria dem Patrizier Johannes erschienen sein und versprochen haben, dass sein Wunsch nach einem Sohn in Erfüllung gehe, wenn er ihr zu Ehren eine Kirche an der Stelle errichte, wo am nächsten Morgen Schnee liegt. Der Traum bestätigte sich, woraufhin Johannes eine Kirche stiftete, die 100 Jahre später als Santa Maria Maggiore geweiht wurde. Der rechte Flügel des Altars – das Original hängt heute im Freiburger Augustinermuseum – zeigt eben dieses Wunder. Der linke Flügel ist verschollen. Das Mittelstück ließ Kardinal Albrecht von Brandenburg 1532 herausnehmen und schenkte es dem Deutschen Orden in Bad Mergentheim. Dort blieb es lange, wurde mehrfach übermalt und dem Zeitgeschmack angepasst. Als 1809 der Deutsche Orden aufgehoben wurde, erwarb Pfarrer Balthasar Blumhofer das Bild und brachte es nach Stuppach, wo es ab 1812 als Hochaltarbild der Kirche Maria Krönung diente. Erst 1908 hat man die Madonna als Grünewald identifiziert. Von 1926 bis 1931 wurde es dann von Prof. Joseph von Tettenborn restauriert, an die Kirche baute man eine eigene Madonnen-Kapelle an.
An der Schwelle vom Mittelalter zur frühen Neuzeit geschaffen, verbindet das Marienbild präzise Naturschilderung mit vielschichtigen theologischen Bedeutungsebenen und eröffnet so eine überirdische Wirklichkeit. Dank der verwendeten Kasein-Farben auf der Basis von Kalkwasser und Quark wirkt das Bild auch nach 500 Jahren noch ungeheuer leuchtkräftig, plastisch und durchscheinend zugleich.
In Brokat gewandet
Wie Luft und Licht, österlich verklärt, sitzt Maria überirdisch groß in der Bildmitte. Königlich in Brokat und Hermelin gewandet und von einem hauchzarten Brautschleier umschmeichelt, schwebt der Gottessohn milde lächelnd auf ihrem Arm. Maria erscheint so in dreifacher Rolle: als jungfräuliche Braut Gottes, Himmelskönigin und Mutter Gottes. Das Jesuskind wiederum hat keinerlei kindlichen Ausdruck, der Mund ist wissend wie zum Sprechen geöffnet, die goldenen Locken umrahmen sein Haupt wie Strahlen. Die feingliedrigen, typisch Grünewald’schen Hände von Mutter und Kind umkreisen einen Granatapfel, uraltes christliches Symbol für Leben und Tod, Liebe und Fruchtbarkeit. Damit verweist die Frucht schon jetzt auf das Blut, das der Gottessohn zur Erlösung der Menschheit vergießen wird.
Doch damit nicht genug: Mutter und Kind sind in eine symbolhafte Landschaft und eine Fülle an zeichenhaften Beigaben eingebettet, die in der Kunstgeschichte seinesgleichen sucht. Vor 500 Jahren brachte man den Menschen auf diesem Wege das Evangelium nahe, für einen Menschen des 21. Jahrhunderts ist die komplexe Ikonografie kaum mehr lesbar. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat sich Kapellenpflegerin Gerlinde Dörr vor 25 Jahren der Stuppacher Madonna verschrieben: An bis zu fünf Besuchergruppen am Tag gibt sie ihre Begeisterung für das Bild weiter und sensibilisiert für die Botschaft des Bildes.
In ihren Führungen deutet die dankbare Marienverehrerin mühelos Details aus, spricht vom Ölbaum als Baum des Friedens, vom Bienenstock der heiligen Birgitta von Schweden, von Krug und Schale als Symbol für das auserwählte Gefäß Gottes. Das symbolisch überhöhte Blumengebinde im Vordergrund gilt als „eines der schönsten in der Kunstwissenschaft“, schwärmt sie. Auch die Landschaft im Bildhintergrund sei weit mehr als nur Kulisse: „Sie ist Botschaft und will sagen: Unser anfälliges Menschenleben endet nicht im Tod, sondern geht der Auferstehung entgegen“, so Dörr. Auf der linken Seite verdichtet Grünewald die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen: Vom in den Wolken thronenden Gottvater reichen zwei Regenbögen auf die Erde: Ein erster verlöschender steht für die Durchkreuzung des Planes Gottes. Darunter kündet ein leuchtender Regenbogen den neuen Bund; er weist auf ein Kreuz als Symbol für die Erlösung der Welt. Die rechte Seite, wo sich das Straßburger Münster erhebt, deutet nicht nur auf Maria als Urbild der Kirche hin, sondern nimmt auch Maler und Auftraggeber mit ins Bild.
Zwischen 15000 und 20000 Besucher kommen jedes Jahr nach Stuppach. Aktuell dürften es sogar noch ein wenig mehr sein, schätzt Pfarrer Basilius Meiser – wurde doch das Bild erst jüngst restauriert. Nachdem das Gemälde ausnahmsweise für eine Ausstellung nach Dresden ausgeliehen worden war, wurde es im Atelier des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg in Esslingen mit modernsten Methoden untersucht und gründlich restauriert. Hauptmaßnahme war die Entfernung des glänzenden Lacküberzugs; da dieser den Schmutz vergangener Jahrhunderte konserviert hatte, wirkt das Bild heute heller, strahlender und leuchtender als je zuvor. Außerdem wurden Hohlstellen repariert, rissige Schichten gefestigt und zu kräftige Übermalungen zurückgenommen. Seit November 2012 ist die Madonna wieder zu Hause in Stuppach. Eine hochentspiegelte Glasscheibe aus Sicherheitsglas schützt das Bild vor neuen Schäden, der Kapellenraum wurde mit modernster Klimatechnik ausgestattet.
Bilderbuch des Glaubens
Mit dem Ergebnis der 480000 Euro teuren Maßnahme sind Pfarrer Basilius Meiser und seine Kapellenpflegerin hoch zufrieden. Zugleich freuen sie sich, dass neben vielen Touristen und Kunstliebhabern auch zahlreiche Marienverehrer nach Stuppach finden. „So mancher Besucher verweilt eine ganze Stunde im stillen Gebet vor dem Bild“, sagt der Pfarrer Meiser. Auch für die rund 500 Katholiken im Dorf ist die Madonna weniger ein Museumsstück als ein religiöses Andachtsbild, das sie ins Herz geschlossen haben. Für viele sei die Kapelle „ein Ort der Sammlung, der Stille, des Gebets, wo sie zu sich und zu Gott finden, Kraft aus dem Glauben schöpfen“. Um Kraft aus dem Glauben geht es dem Seelsorger auch in seinen Predigten, in denen er immer wieder auf den Detail-Schatz der Stuppacher Madonna zurückgreift: „Das Bild ist eine großartige Zusammenfassung, ja ein lebendiges Bilderbuch des Glaubens.“