Hinweis

Ihre Browserversion wird leider nicht mehr unterstüzt. Dies kann dazu führen, dass Webseiten nicht mehr fehlerfrei dargestellt werden und stellt ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Wir empfehlen Ihnen, Ihren Browser zu aktualisieren oder einen der folgenden Browser zu verwenden:

Probeabo des Magazins bestellen

Lernen Sie das Sonntagsblatt kennen – kostenlos und unverbindlich

    Lernen Sie das Sonntagsblatt kennen – kostenlos und unverbindlich

      Mehr
      Glocken der Diözese Würzburg (14): das Geläut der Pfarrkirche St. Maternus Güntersleben

      Glückliches Schicksal einer Glocke

      Die schwere Holztür im Untergeschoss des Kirchturms der Pfarrkirche St. Maternus in Güntersleben öffnet sich. Der frühere Günterslebener Bürgermeister Dr. Josef Ziegler und Pfarrer Bernd Steigerwald steigen die Stufen im Turminneren hinauf. „Das unterste Turmgeschoss gehört zum ältesten Teil der Kirche“, sagt Ziegler, ein Kenner der lokalen Geschichte und Verfasser der Ortschronik von Güntersleben. Das Untergeschoss stammt aus dem elften Jahrhundert. Die weiteren Stockwerke und die Turmspitze wurden 1602 unter Fürstbischof Julius Echter aufgesetzt.

      In der Glockenstube gibt es einen kurzen Halt. Ziegler zeigt auf eine Stelle in der Wand, die sich durch ihr neues Mauerwerk vom Rest der Steine absetzt. Wie Ziegler schildert, befand sich hier früher ein Loch in der Wand. Dadurch konnten die Personen, die hier an den Glockenseilen zogen, auf den Altarraum schauen. Dadurch war es möglich, das Läuten mit der Liturgie abzustimmen.

      Begehrter Job

      „Damit die Glocken zur Wandlung läuteten, musste man beim Hochgebet des Pfarrers schon etwas vor der Wandlung damit beginnen, an den Seilen zu ziehen“, erläutert Pfarrer Bernd Steigerwald. „Damals wurde die Messe ja auf Lateinisch gelesen, also wartete man im Hochgebet auf die lateinische Stelle, von der man wusste, dass man ab da mit dem Läuten anfangen musste, damit die Glocken genau zur Wandlung läuteten.“

      Das Läuten sei „ein begehrter Job“ unter den Ministranten gewesen, sagt Pfarrer Steigerwald. Früher – nämlich bis 1922 – war nach Zieglers Schilderung der Lehrer als Kirchendiener für das Läuten an den Werk- und Sonntagen zuständig. Die Ministranten unterstützten ihn dabei. Später war der Lehrer nicht mehr dafür verantwortlich. Dann zahlte die politische Gemeinde den Ministranten, die den Läutedienst versahen, jährlich 30 Reichsmark. Seit einer Bestimmung aus Echters Zeit von 1602 trägt nämlich die politische Gemeinde die Baulast für den Turm und die Glocken. Kirchlich gehörte die Pfarrei Güntersleben dem Benediktinerkloster St. Stephan in Würzburg bis zur Säkularisation 1802.

      Die Nationalsozialisten strichen die jährliche Zahlung an die Ministranten. Für die Hochfeste gab es eine Extra-Regelung. Da mussten nämlich bis Anfang des 20. Jahrhunderts die jeweils drei jüngstvermählten Ehemänner das Läuten übernehmen. Da sie sich aber immer öfter davor drückten, wurde für das Läuten ab 1903 eine Gebühr von 1,50 Mark und ab 1924 von fünf Mark erhoben. 1938 wurde ein elektrisches Läutewerk angeschafft, womit sich derartige Regelungen erübrigten, erläutert Ziegler.

      Zum Glockenstuhl

      Jetzt geht es über Holzstufen hinauf zum Glockenstuhl, der – wie der Treppenaufgang – aus einer Sanierung von 1991 stammt. Und hier setzt dann auch recht bald das 11-Uhr-Läuten ein. Bei diesem Läuten geht es nicht um etwas Geistliches. „Es handelt sich um das sogenannte landwirtschaftliche Läuten“, so Ziegler. „Früher hatten die Leute noch keine Uhr dabei.“ Und durch dieses Läuten wussten die Menschen, die in den Weinbergen arbeiteten, dass es noch eine Stunde bis zum Mittagessen um zwölf war. Dieses 11-Uhr-Läuten versieht bis heute die Glocke, die den Namen des Kirchenpatrons Maternus trägt. Es ist die älteste Glocke in dem Günters- lebener Kirchturm.

      Gegossen hat sie laut Umschrift und Unterlagen der bedeutende aus Fulda stammende Glockengießer Paulus Arnolt im Jahr 1642 in Eußenheim. Ursprünglich befanden sich hier zwei weitere Glocken. Die eine von ihnen war eine Andreasglocke von 1653, die 1754 durch einen Neuguss ersetzt wurde. 1853 wurden diese Andreasglocke und die weitere nicht näher bekannte Glocke durch Neugüsse ausgetauscht. Die größere von ihnen musste 1858 repariert werden. Bereits 1868 wurden die beiden Glocken durch einen Neuguss der Gebrüder Klaus aus Heidingsfeld ersetzt. Die Andreasglocke aus diesem Guss läutet hier bis heute. Opfer des Krieges Die andere Glocke von 1868 wurde bereits 1890 durch einen abermaligen Neuguss ersetzt. Diese Glocke musste im Ersten Weltkrieg 1917 zu Rüstungszwecken abgegeben und eingeschmolzen werden. An ihre Stelle kam 1923 ein Neuguss ebenfalls von Klaus aus Heidingsfeld. Doch auch diese Glocke sowie die besonders wertvolle Maternusglocke von 1642 wurden im Zweiten Weltkrieg 1942 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt.

      Während die Glocke von 1923 zerstört und eingeschmolzen wurde, war der Maternusglocke ein glücklicheres Schicksal beschieden, erläutert Ortschronist Ziegler, der einen Bericht des damaligen Günters-lebener Pfarrers Anton Enderle wiedergibt. Demnach entdeckten Eisenbahnarbeiter aus Erlabrunn kurz nach Kriegsende eine ihrer eigenen Glocken und eben die Günterslebener Maternusglocke am 18. Mai 1945 auf einem Waggon im Würzburger Südbahnhof.

      Mit einem Pferdefuhrwerk trat sie dann ihre Heimreise nach Güntersleben an. Pfarrer Enderle: „Bei uns zog sie (die Glocke) ein unter Fahnenschmuck und Fichtengrün, begrüßt von ihrer daheimgebliebenen kleinsten Schwester im Turm (der Andreasglocke von 1868).“ Am Freitag vor dem Ortspatronsfest im September 1945 läutet die Glocke erstmals wieder. Und zwar eine volle Stunde lang. Als Ersatz für die zerstörte Glocke von 1923 kamen nicht nur ein, sondern gleich zwei Neugüsse von Karl Czudnochowsky aus Erding von 1948 (Christkönigsglocke) und 1949 (Josefsglocke).

      Neugüsse aus Erding

      Seither ist in Güntersleben das Geläut nicht mehr drei-, sondern vierstimmig. Und als Kostprobe, wie gut die Glocken aus dem 17., 19. und 20. Jahrhundert miteinander harmonieren, schaltet Pfarrer Steigerwald jetzt nach und nach die vier Glocken ein – von der kleinen Andreas- über die historische Maternusglocke bis zur Josefs- und zur Christkönigsglocke. Schließlich ergießt sich ein majestätischer Gesamtklang vom Kirchturm hinab auf die Dächer und Gassen von Güntersleben.     

      Frank Kupke

      Das Geläut der Pfarrkriche St. Maternus Güntersleben

      Christkönigsglocke

      Gießer: Karl Czudnochowsky, Erding, 1948. Durchmesser: 1,21 Meter. Gewicht: 1,1 Tonnen. Schlagton: e‘. Umschrift: „Dir Christkönig dieses eherne Lob”.

      Josefsglocke

      Gießer:Karl Czudnochowsky, Erding. Durchmesser: 1 Meter. Gewicht: 510 Kilogramm. Schlagton: g‘. Umschrift: „Hl. Josef, Patron der Sterbenden, bitte für uns.“

      Maternus- und Evangelistenglocke

      Gießer: Paul Arnolt, 1642. Durchmesser: 93,5 Zentimeter. Gewicht: 430 Kilogramm. Schlagton: a‘. Umschrift: „In honorem qvatvor evangel. et s. materni patroni. Pavlvs Arnolt gos mich der Kirchen din ich MDCXXXXII“. Verzierungen: Lilienfries und Gehängefries mit stilisierten Tüchern sowie Früchten und auch Blüten.

      Andreasglocke

      Gießer: Friedrich Klaus und Söhne, Heidingsfeld, 1868. Durchmesser: 77 Zentimeter. Gewicht: 250 Kilogramm. Schlagton: h‘. Umschrift: „Panem de coelis praetitisti eis. Sante Andrea ora pro nobis“

      Angaben entnommen aus: Josef Ziegler: Gemeinde Güntersleben, 1993; Realschematismus der Diözese Würzburg 1999; Michael Nitz: Glockenatlas von Unterfranken (Manuskript) o.J.