Im Blickpunkt der Solidaritätsaktion für die ärmsten Diözesen in Afrika, Asien und Ozeanien steht in diesem Jahr Ägypten: so weit weg und doch so nah durch die Medien
Evangelium
In jener Zeit erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Beispiel: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Lukas 18,9–14
Fromm und gläubig, aktiv und sozial, vorbildlich und hochangesehen, der Pharisäer beim Gebet im Tempel ganz vorne. Eigentlich wäre da ein Riesenlob fällig. Stattdessen hagelt es massive Kritik, und das aus gutem Grund. Er ist so von seiner eigenen Gerechtigkeit überzeugt, dass es ihn überheblich macht. Arrogant meint er hinabschauen zu dürfen auf „die da hinten“, den Zöllner, die Sünder, die – in seinen Augen –religiösen Versager und gescheiterten Existenzen.
Obendrein bekommt der Zöllner auch noch die Anerkennung zugesprochen, die dem Pharisäer verwehrt wird. Und das wieder aus gutem Grund: Der Zöllner, auf der Skala der sozialen Stellung ganz unten, weiß um seine Fehler und Schwächen. An diesen Ort kommt er mit der bescheidenen Hoffnung, dass er seine Schuld bekennen, aber auch auf Barmherzigkeit vertrauen darf.
Das ist es, was vor Gott Bestand hat. Nicht äußere, abgezählte Werke, sondern die innere bewusste Gesinnung ist maßgebend für Gott. Das macht jemanden zu einem „Gerechten“. Einer, der nur das Fehlverhalten der anderen, nicht aber sein eigenes wahrzunehmen bereit ist; einer, der die vermeintlich weniger Frommen verachtet und sie aus der Gemeinschaft verbannen will, kann da nicht unter die Gerechten gezählt werden. Mit dieser Beispielgeschichte über den selbstgerechten Pharisäer schockiert Jesus seine Zuhörer. Er macht unmissverständlich deutlich: Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Wenn Jesus heute Pharisäer-Gebete belauschen würde, bekäme er etwa Folgendes zu hören? „Lieber Gott, zum Glück bin ich noch gut katholisch und halte die alten Werte hoch. Nicht so wie die, die alles modernisieren und reformieren wollen.“ Oder: „Lieber Gott, zum Glück lebe ich nicht auf Lampedusa, wo auf dem Meer so viele Flüchtlinge aus Afrika mit ihren Booten kentern und sterben, und wo die Auffanglager aus allen Nähten platzen.“ Oder: „Zum Glück wird in unserer Gemeinde doch kein Asylbewerberheim eingerichtet. Eigentlich sind wir ja ein reiches Land, und die Flüchtlinge, die vor Krieg und Elend aus ihrer Heimat geflohen sind, müssen ja irgendwo bleiben – aber bitte nicht in meiner Nachbarschaft!“
„Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben“ (Jer 29,11), so das Motto des diesjährigen Sonntags der Weltmission. In einer gerechteren Welt den Armen und Bedrängten neue Lebenschancen zu eröffnen, dazu will uns dieser besondere Anlass aufrütteln. Wir als Kirche in Deutschland haben schon vieles getan und es geschieht auch weiterhin immens viel an solidarischem Handeln, ohne Frage. Aber wie nah lassen wir die Not wirklich an uns heran?
Im Blickpunkt der Solidaritätsaktion für die ärmsten Diözesen in Afrika, Asien und Ozeanien steht in diesem Jahr Ägypten: so weit weg und doch so nah durch die Medien. Die Christen dort werden als Minderheit oft benachteiligt und diskriminiert. In einer brisanten politischen Situation brauchen sie unsere Solidarität. Denn das große soziale Engagement der koptischen Kirche verschafft ihr trotz aller Schwierigkeiten Ansehen und Respekt in der Gesellschaft. An der Seite der Armen und Ausgegrenzten zu stehen ist ein unschätzbarer Beitrag hin zu einer friedlichen Entwicklung und ein sprechendes Zeugnis für den Gott, der will, dass es in dieser Welt gerecht zugeht. Für uns bedeutet das: Nicht herabschauen, sondern sich hinwenden, sich bewegen lassen. Die innere Haltung macht uns zu Gerechten vor Gott. Sie drängt uns zu konkreten Schritten. Sie überschreitet Grenzen, sogar vor der eigenen Haustür.
Die Autorin („edith.fecher@bistum-wuerzburg.de“) ist Pastoralreferentin, war bis August tätig als Ehe- und Familienseelsorgerin der Dekanate Hammelburg und Karlstadt; zur Zeit im Sabbatjahr.