Gemeinsam erziehen lernen
Es ist acht Uhr morgens und es hat schon mehr als 30 Grad im Schatten. Deshalb trifft man sich in einem Kindergartenraum, der von drei Seiten offen ist. Zwei Ventilatoren laufen ununterbrochen und wirbeln die Fortbildungsunterlagen immer wieder durch die Luft. Plötzlich fängt eine Grille im Garten so laut zu zirpen an, dass man ohne Mikrofon in der Runde nicht verstanden werden würde.
Annette Lörner und Elke Wolz-Nagl, Erzieherinnen im Kindergarten Gaukönigshofen, haben ihren Jahresurlaub im August 2013 in der Würzburger Partnerdiözese Óbidos in Brasilien verbracht. Im Kindergarten „Bom Pastor“ (Der gute Hirte) in der am Amazonas gelegenen Stadt Juruti haben die Frauen eine einwöchige Fortbildung für die Erzieher und Erzieherinnen der dortigen Kindergärten geleitet.
Schwester Brunhilde Henneberger, Franziskanerin aus dem Bistum Würzburg, hatte in Juruti Stadt und Land an die 40 Kindergärten aufgebaut und jahrelang begleitet. Einen Kindergarten im Dorf einzurichten bedeutete damals sehr viel für die Dorfgemeinschaft. Eine Vorraussetzung war die Bildung der Kinder im Vorschulalter sowie eine regelmäßige und gesunde Ernährung der Kinder. Eltern mussten aufgeklärt werden über das Impfen ihrer Kinder; dadurch konnte auch die Gesundheitsversorgung aller verbessert werden. Durch regelmäßige Besuche und Transportmöglichkeiten schufen die Verantwortlichen die Anbindung des Dorfes an die Stadt. Und zu guter Letzt schafften sie einen Versammlungsraum für die Menschen im Ort.
Die Voraussetzung, um als Erzieherin eingestellt zu werden, war, dass die Bewerberin aus der Dorfgemeinschaft ausgewählt wurde und lesen konnte. Anschließend konnte sie bei erfahrenen Erzieherinnen praktische Erfahrungen im Alltag mit den Kindern sammeln. Jährlich gab es Fortbildungen, in denen Basiswissen der Vorschulerziehung vermittelt wurde.
Fremd waren Annette Lörner und Elke Wolz-Nagl in Juruti nicht; hatten sie doch bereits – wenn auch vor einigen Jahrzehnten im Anschluss an ihre eigene Erzieherinnenausbildung in den Jahren 1986/87 – einen einjährigen freiwilligen Arbeitseinsatz bei den Schwestern in Juruti geleistet. Damals arbeiteten sie auch in dem für Kindergartenfortbildungen verantwortlichen Team mit. Viel hat sich seitdem getan: Seit ungefähr zehn Jahren, seit die Gemeinde Juruti von der Regierungspartei PT (partido dos trabalhadores) verwaltet wird, sind die Kindergärten in kommunaler Hand. Außerdem änderte sich in den letzten Jahren die Ausbildung für die Erzieherinnen. Sie absolvieren nun ein Lehrerstudium. Das wirkt sich auch auf die Kindergartenpädagogik aus. Die Erzieherinnen haben zwar eine weiterführende Ausbildung, aber die Arbeit mit den Kindern wirkt sehr theoretisch und verschult.
Die Schwestern und erfahrene Erzieherinnen sehen diese Entwicklung kritisch, da die Arbeit im Kindergarten immer weniger an den Bedürfnissen der Kinder orientiert ist. So kam von den Schwestern die Anfrage, ob Annette Lörner und Elke Wolz-Nagl, ähnlich wie vor 25 Jahren, wieder eine Fortbildung anbieten könnten. Dabei sollte der Schwerpunkt auf der Vermittlung von ganzheitlicher Erziehung liegen. Das bedeutet, man lernt nicht nur mit dem Kopf, sondern bezieht die Sinne, die Gefühle und den Körper mit ein. Das gelingt im Vorschulalter gut durch Spiele, Wahrnehmungsübungen und Bewegung.
So begannen Lörner und Wolz-Nagl bereits Anfang 2013 mit der Vorbereitung einer einwöchigen Fortbildung, die einige Monate später mit rund 45 Gruppenleiterinnen aus den Kindergärten Stadt und Land der Gemeinde Juruti vor Ort realisiert wurde.
Ziel war vor allem, dass die Teilnehmenden alle Inhalte selbst erleben und praktisch durchführen konnten. Alle vorgestellten Spiele, Übungen und Methoden konnten die Erzieherinnen direkt in ihre Kindergarten-Gruppen mitnehmen und umsetzen. In der Woche wurden zum Beispiel Handpuppen in Form eines Krokodils gestaltet, ein Stoffwürfel für Gruppenspiele genäht, Holzkreisel bemalt und Memoryspiele angefertigt. Inhalte waren weiterhin Kennenlern- und Bewegungsspiele, Sinnesübungen, mathematische Grundkenntnisse, Mundmotorikspiele und Musik.
Durch die Bezuschussung der Veranstaltung durch die Diözese Würzburg war es möglich, verschiedene Materialien, wie bunte Schwungtücher und CDs mit brasilianischen Kinderliedern mitzubringen. Zusätzlich wurden die beiden deutschen Erzieherinnen durch ebenfalls deutsche Ehrenamtliche unterstützt, die unter anderem Holzkreisel drechselten und Socken für die Handpuppen strickten. Wichtig war beiden Pädagoginnen auch die Reflexion der eigenen Erzieherpersönlichkeit. Dabei kamen die Fortbildungsteilnehmerinnen zu der Erkenntnis, dass eine gute Beziehung zwischen Erzieherin und Kind die Basis ist und sehr nachhaltig wirkt.
Schön für Annette Lörner und Elke Wolz-Nagl war, dass sich die Teilnehmerinnen sehr leicht auf die Anregungen eingelassen haben: „Je lebendiger es zuging, desto mehr Spaß hatten die Brasilianerinnen.“ Darüber freuten sich die zwei Deutschen besonders. „Gefreut haben uns außerdem positive Rückmeldungen wie: Spielen ist wichtig, Ganzheitliches Lernen geschieht unbewusst und macht auch noch Spaß, Naturmaterialien, die wir vor der Haustüre finden, kosten nichts und lassen sich sehr vielfältig einsetzen. Ich bin motiviert, die verschiedenen Anregungen in meiner Kindergruppe einzusetzen“, sagt Annette Lörner.
Beeindruckt hat die Beiden aus dem Bistum Würzburg auch, dass für alle Teilnehmenden wie selbstverständlich der Tag mit einem Bibeltext begann und am Abend mit einem Gebet endete, obwohl die politische Gemeinde für die Fortbildung verantwortlich war.


