Evangelium
In jener Zeit sprach Jesus: Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.
Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
Johannesevangelium 10,1–10
„Du musst Bock auf dieses Leben haben“, sagt Pater Christian. Jeder Mann, der sich bei ihm auf der Fazenda da Esperanca im brandenburgischen Nauen vorstellt, hört diesen Satz. Es sind Männer, die eine Suchterkrankung haben – und auf dem „Hof der Hoffnung“ einen Neustart wagen wollen. „Die eigene Motivation ist dafür entscheidend“, sagt Pater Christian. Jeder Bewerber muss ein Motivationsschreiben verfassen und kann zu einem Probe-Wohnen kommen, ehe er sich für zwölf Monate der Gemeinschaft auf dem Hof anschließen kann.
„Wir nehmen niemanden, der uns einfach von der Justiz geschickt wird“, sagt Pater Christian und denkt dabei an die Frage Jesu: Was willst du, dass ich dir tue? „Der Blinde sagt, dass er wieder sehen möchte. Erst dann heilt Jesus ihn. Er muss aktiv werden. Jesus tut nichts gegen seinen Willen.“ So passt auch das Wort aus der Apostelgeschichte an diesem Sonntag: „Lasst euch retten“, ruft Petrus den Menschen zu, die sich um ihn und die anderen Apostel versammelt haben. Sie müssen selbst tätig werden, müssen das Leben als Christ wirklich wollen und sich dafür entscheiden.
Kein Alkohol, kein Internet
Die „Höfe der Hoffnung“, die Fazenda da Esperanca, wurden 1983 in Brasilien gegründet. Mitglieder der Kirchengemeinde der Stadt Guaratingueta bei Sao Paulo hatten damals den Wunsch, das Evangelium in die Tat umzusetzen. Ein junger Mann namens Nelson nahm sich einen Satz aus dem Paulusbrief besonders zu Herzen: „Ich bin dem Schwachen ein Schwacher geworden.“ Täglich lief er auf dem Weg zu seiner Arbeit an einer Gruppe Drogenabhängiger vorbei. Schließlich unterhielt er sich mit einem Mann, der ein Armband knüpfte – und besuchte ihn und die anderen fortan regelmäßig. „Nicht, um zu missionieren oder sie vom Drogenkonsum abzuhalten, sondern um Freundschaft mit ihnen zu leben“, sagt Pater Christian, der selbst viele Jahre in Brasilien lebte. Irgendwann vertraute jener Drogenabhängige Nelson an, dass er die Drogen hinter sich lassen will – und Nelson half ihm beim Entzug. „Mit Nelson und Antonio, dem ersten Rekuperanten, hat unsere Arbeit begonnen“, sagt Pater Christian.
Auf dem Gut Neuhof in Brandenburg führt er sie weiter. Momentan leben dort 15 Männer. Sie haben eine Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht oder leiden unter Depressionen. „Ich weiß von einem Mann, der die letzten zwei Jahre nur im Bett gelegen hat. Ihm fehlte jeder Antrieb“, sagt Pater Christian. Um auf dem Hof zu leben, müssen die Männer erst einen Entzug machen und dann in der Lage sein, sich an die Regeln zu halten: keine Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten – und kein Internet oder Telefon. „Es geht darum, neue Beziehungen aufzubauen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen“, sagt Pater Christian – weit weg von allen Reizen, die wieder zur Sucht führen könnten. In den ersten drei Monaten darf auch die Familie nicht zu Besuch kommen, nur das Schreiben von Briefen ist jederzeit möglich.
Der Geistliche erlebt, dass sich die Bewohner in der Gemeinschaft oft schnell weiterentwickeln, dass die Männer sich verändern, dass sie gerettet werden wollen. Er erinnert sich an einen Mann, der schon im ersten Brief an seine Mutter schrieb, er fühle sich auf dem Hof wohl. „Die Mutter erzählte mir, er habe sich seit mehr als drei Jahren nirgends mehr wohlgefühlt“, sagt Pater Christian. Oder ein 16-Jähriger, der nach dem Probe-Wohnen am liebsten gleich auf dem Hof geblieben wäre, weil er sich dort so gut aufgenommen fühlte. Oder ein Rockmusiker, der sich nach einem Monat auf dem Hof die lange Mähne abschnitt. „Keiner hatte ihm gesagt, er solle sich die Haare schneiden. Aber es war sein Ausdruck für die Veränderung.“
„Wir geben aufeinander acht“
Die Männer auf dem Hof stützen sich gegenseitig beim Kampf gegen die Sucht. „Wir leben wie in einer Familie“, sagt Pater Christian. „Wir geben aufeinander acht, sind füreinander da.“ Wenn der Wunsch nach einem Joint oder einem Schluck Schnaps übermächtig wird, dann sind es die ehemaligen Bewohner des Hofes, die heute noch zu Besuch kommen oder mithelfen und sagen: „Ey, mir ging es genauso. Geh da durch, du schaffst das.“ Das sporne an durchzuhalten, sagt Pater Christian.
Die Männer leben gemeinsam – und sorgen auch gemeinsam für ihren Unterhalt. Sie arbeiten auf dem Hof, im Stall, im Garten, im Gästehaus oder im Hofcafé. Jeder trägt zum Unterhalt bei. Und jeder nimmt an den Gebetszeiten und Gottesdiensten teil. „Das religiöse Programm ist bei uns Pflicht“, sagt Pater Christian. Fünfmal in der Woche feiern sie die Heilige Messe, morgens wird der Rosenkranz gebetet und das Tagesevangelium gehört. „Wir nehmen einen Satz daraus und gehen mit diesen Worten durch den Tag. Zum Beispiel: Hab Mut, dich zu verändern. Und am Abend schauen wir noch einmal, wo es uns gelungen ist, dieses Wort zu leben.“
Die Einbindung in die katholische Spiritualität sei sicherlich das Ungewöhnlichste bei dieser Form der Suchttherapie. „Die Männer hier sind nicht alle Christen oder gläubig und die müssen auch nicht katholisch werden“, sagt Pater Christian. „Aber sie müssen bessere Menschen werden. Wir helfen ihnen, dass sie lernen zu lieben – sich und die anderen.“ Er müsse Gott nicht zu den Männern bringen. „Jeder Mensch ist gut. In jedem Menschen ist Gott schon da. Ich werde nie an den Punkt kommen zu sagen: Ich habe keine Hoffnung mehr für dich.“
Kerstin Ostendorf
Hintergrund
Weitere Informationen zur christlichen Suchthilfe auf den verschiedenen Höfen der Fazenda da Esperanca finden Sie unter www.fazenda.de. Pater Christian erreichen Sie per E-Mail: gut-neuhof@fazenda.de
