Evangelium
In jener Zeit, als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Matthäusevangelium 22,34–40
Seit es Menschen gibt, waren sie in Bewegung. Sie suchten bessere Jagdgebiete, bessere Ackerflächen, bessere Höhlen, bessere klimatische Bedingungen. Manchmal waren sie vielleicht auch einfach neugierig darauf, was hinter dem Horizont liegt. Oder wurden wegen irgendeiner Fehde zwischen Sippen und Familien vertrieben. Nicht einmal vom Meer, von hohen Bergen und Kontinentalplatten ließ sich der Homo Sapiens aufhalten. In unserer europäischen DNA schlummern Afrika und Asien – und das seit Zehntausenden von Jahren.
Seit es Menschen gibt, gab es aber auch Kämpfe um Herden, Ackerland und Wohnräume. Zumal dann, wenn Fremde auftauchten, Eindringlinge, Sippen auf Wanderschaft. Die stellten eine Bedrohung dar – oder wurden zumindest so wahrgenommen. Manche Forscher sagen, das sei ein Erbe, das wir unseren tierischen Vorfahren verdanken: alles für den Schutz des Rudels, der Herde, der Rotte, der Kolonie! Fressen oder gefressen werden.
Dass Gott sich das beim Anbeginn der Schöpfung so nicht gedacht hat, davon spricht die Bibel an vielen Stellen. Aus guten Gründen, denn Israel, das Volk Gottes, hat in dieser Hinsicht viele Erfahrungen gemacht: als Fremde und mit Fremden.
Das beginnt schon in der Urgeschichte, bei Abraham. Bekanntlich ist der Stammvater aus dem fernen Ur in das gelobte Land eingewandert. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass es leer war, als Abraham und seine große Sippschaft dort eintrafen. Nein, sie waren die Fremden unter Einheimischen.
Der nächste Wendepunkt in der Geschichte des Volkes Israel war eine Klimakrise: Das gelobte Land wurde von wiederholten Dürren und Hungersnöten heimgesucht, und viele Menschen suchten Heil und Leben in der Flucht. Heute würde man sagen: Binnenflüchtlinge, denn Ägypten, das Land, das durch den Nil begünstigt ist wie kein anderes in der Region, lag nicht allzu fern. Allerdings erging es den Israeliten dort nicht allzu gut: Als Fremde wurden sie ausgenutzt und zu harter, schlecht bezahlter Arbeit gezwungen.
Bis es ihnen reichte und sie die nächste Flucht wagten, die zurück nach Hause. Jahrzehnte brauchten sie dafür, erzählt die Bibel. Und als sie ankamen, waren sie schon wieder Fremde. Denn die Dörfer und Städte waren bewohnt und die Einheimischen wollten ihnen den Platz nicht kampflos überlassen. Auch davon erzählt das Buch Exodus.
Und es zieht Konsequenzen, die weit über das hinausgehen, was man erwarten könnte. In Gottes Namen durchbricht die Bibel das bisherige System. „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen“, heißt es in der Lesung dieses Sonntags und an etlichen anderen Stellen. Immer wieder bis hin zu den Propheten wird es eingeschärft: Achte das Recht der Fremden, behandle sie gut, nimm sie auf, nütze ihre Notlage nicht aus. Denn so will es Gott, für den niemand ein Fremder ist, sondern jeder und jede sein Geschöpf, sein Herzensmensch, sein Kind.
Das galt, obwohl das Volk Israel weiter schlechte Erfahrungen mit Fremden machte – vor allem mit denen, die gewaltsam einmarschierten und Zerstörung und Tod mitbrachten. Oder die sie ins Exil verschleppten, wo die Juden mal mehr, mal weniger gut behandelt wurden. Bei euch soll es nicht so sein, sagt Gott: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ (Levitikus 19,33–34)
Auch Jesus schärft den guten Umgang mit Fremden ein. An diesem Sonntag eher indirekt, wenn er im Evangelium von den Pharisäern und Gesetzeslehrern gefragt wird, welches das wichtigste Gebot ist. „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“, heißt es kurz und knapp bei Matthäus. In der Parallelstelle bei Lukas geht es aber noch weiter. Dort will ein Pharisäer seine Frage rechtfertigen und fasst nach: „Wer ist mein Nächster?“ Was folgt, ist die bekannte Geschichte von dem Mann, der unter die Räuber fällt. Und es ist ausgerechnet ein Fremder, der ihm hilft.
Noch klarer formuliert es das Gleichnis vom Weltgericht: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“, formuliert Jesus dort als Kriterium für das ewige Heil; „ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen“ als Kriterium für das Unheil. Und er meint mit „ich“ nicht sich selbst: „Was ihr für einen dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan; was ihr für sie nicht getan habt, habt ihr mir nicht getan.“
Für die ersten Christen bekam das Thema dann aber noch eine besondere Relevanz. Denn sie sahen geradezu ihren Auftrag darin, sich in die Fremde aufzumachen. „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“, sagt der auferstandene Christus (Matthäus 28,19) seinen Jüngern, und sie hielten sich daran. Die Juden aus Israel machten sich auf nach Griechenland und Rom, nach Afrika und Asien. Später reisten irische Mönche ins finstere Germanien und noch weiter hinaus zu den wilden Wikingern. Überall waren sie Fremde und hofften auf gute Aufnahme. Meistens vergeblich.
Und bis heute hat sie weltweit nicht aufgehört:
• diese Tendenz, Fremde kritisch zu beäugen, ihre Not auszunutzen, sie schlecht zu behandeln
• diese Angst vor Menschen, die anders aussehen, anders reden, anders glauben
• diese Sorge, dass Fremde den Alteingesessenen Arbeit und Wohnung streitig machen und das Wohl der eigenen Sippe bedrohen
Der Umgang mit Fremden ist eine unendliche Geschichte und kein Ruhmesblatt. Nicht für die Menschheit insgesamt und auch nicht für jene, die die Bibel als Wort Gottes bekennen.
Susanne Haverkamp
