„Als ich davon in der Zeitung gelesen habe, dachte ich zuerst, es sei ein Scherz", erzählt Kirchenpfleger Albin Dorsch. Auch wenn Bürgermeister Josef Kilgenstein es schon seit längerem geahnt haben soll, kam die Nachricht für die Einwohner doch sehr überraschend. Die Meisten hätten es wie Dorsch aus den Medien erfahren. Seitdem ist die kleine Pfarrei immer wieder Mittelpunkt der medialen und politischen Aufmerksamkeit.
Bei den offiziellen Feierlichkeiten am 31. Juli hatte Bayerns Finanzminister Dr. Markus Söder eine Tafel mit den Mittelpunktskoordinaten vor dem Rathaus in Westerngrund enthüllt. Anschließend waren mehrere hundert Bürger im Festzug zum exakt berechneten Standort des EU-Mittelpunkts, einem grünen Wiesenhang nahe dem Ortsausgang gezogen, begleitet von der Kolpingkapelle. Seitdem wehen dort symbolisch die Flaggen Westerngrunds, Frankens, Bayerns, Deutschlands und natürlich Europas. „Bayern ist damit nun der Nabel Europas", sagte Söder und hisste selbst die Europaflagge. Die Feier war ein Großereignis für Westerngrund: fast zwei Drittel der kleinen Pfarrei seien auf den Beinen gewesen, berichtet Dorsch.
Entlang einer Straße reihen sich die drei Ortsteile Unterwestern, Oberwestern und Huckelheim in einem lang gezogenen Talgrund, durch den der namensgebende Westernbach Richtung Schöllkrippen fließt. Nur knapp fünf Kilometer trennen die 1900-Seelen-Gemeinde am Rande des Bistums Würzburg vom nahe gelegenen Hessen. Einige Geschäfte wie einen Bäcker und einen Metzger gibt es noch im Ort, dazu ein paar Gaststätten sowie kleine Handwerksbetriebe, zum Beispiel einen Malerbetrieb.
Zudem erfreut sich die Pfarrei eines aktiven Vereinslebens: Neben einer Fußball- und Volleyballmannschaft gibt es eine Freiwillige Feuerwehr, eine Kolpingkapelle und verschiedene Chöre. Der Kirchenchor Via Nova hat es sich beispielsweise zum Ziel gesetzt, in der Kirche neue Wege der Musik zu beschreiten; die besondere Leidenschaft gilt dem Gospel. Seit mittlerweile 20 Jahren umrahmen die etwa 35 Sänger unter anderem Jugend- und Familiengottesdienste, Hochzeiten und Kommunionfeiern.
International ausgerichtet
In seiner Geschichte unterstand Westerngrund immer wieder anderen Feudalherren; seit den 1860er-Jahren gehört es zu Bayern. Das mache weltoffen, hatte Bürgermeister Josef Kilgenstein in einem Interview festgestellt. Auch bei der Gestaltung der Pfarrkirche St. Wendelin hat man sich – etwa in weiser Voraussicht? – international orientiert. Bei der Suche nach einer neuen Orgel, war die Pfarrei auf eine historische romantische Orgel aus England gestoßen, die 1870 in der seinerzeit renommierten Werkstatt Brindley & Foster entstanden war.
Zuletzt hatte sie ihren Standort in einer Methodistenkirche in Harrogate bei Leeds. Das nach zweijähriger Restaurierung 2007 gesegnete historische Instrument stellt eine weitere Besonderheit von Westerngrund dar: auf der Orgel werden regelmäßig Konzerte im Rahmen der Konzertreihe „Historische Orgellandschaft" gegeben. Typisch für die englischen Orgeln jener Zeit ist ihr eher weich-fülliger Ton mit ausgeprägten Solostimmen.
Die Pfarrkirche selbst wurde 1827 gebaut; sowohl der Kirchenbau, als auch die Einrichtung der Kaplanei wurden damals erst durch Stiftungen ermöglicht. Als im September 1828 die erste Heilige Messe in der neuen Kirche stattfand, hatte wohl niemand geahnt, dass gut 185 Jahre später Pfarrer Matthias Rettinger die Gläubigen dort mit den Worten „Willkommen in der Mittelpunktskirche der EU" begrüßen würde.
Besonders die „Mittelpunktsministranten der Europäischen Union", wie sich die Messdiener der Pfarrei St. Wendelin stolz nennen, sind begeistert vom neuen Ortstitel. „Es ist schon lustig, was plötzlich hier los ist. Auch wenn wir eigentlich gar nichts dafür können", erzählt Oberministrant Johannes Pfaff. Und fügt erfreut hinzu: „Jetzt haben wir auch mal was zum angeben". Besonders die jüngeren Ministranten seien begeistert und teilten beispielsweise fleißig Mittelpunktsbilder und -berichte auf der Internetplattform Facebook.
Auch bei der von der Gemeinde organisierten Wanderung vom ehemaligen Mittelpunkt bei Gelnhausen zum aktuellen Standort wollen die Jugendlichen mitlaufen. Und zukünftig werde es sicher noch die eine oder andere weitere Aktion mit Bezug auf den Mittelpunkt geben, versichert Pfaff. Aus dem Feiern kommt die Pfarrei zumindest sobald nicht: Michael Schmitt aus der Gemeinde wird am 28. September im Würzburger Dom zum Diakon geweiht.
Keine Europa-Euphorie
Auch wenn das Thema für aufgeregte Ortsgespräche gesorgt hat; große Europa-Euphorie hat sich im Ort bisher dennoch nicht ausgebreitet. Die Anfrage des Domkapellmeisters von Fulda, Beethovens 9. Sinfonie, die Europahymne, in Westerngrund aufzuführen, wurde bereits seitens der Gemeinde abgelehnt. Der Grund: zu hohe Kosten, die für den kleinen Ort nicht tragbar seien. Bei den ersten selbst erdachten Marketingmaßnahmen beweisen die Einwohner allerdings Kreativität.
Die ansässige Bäckerei Biebrich bietet Mittelpunktsbrot mit Koriander an, die Metzgerei Schuhmacher EU-Mittelpunkt-Rosenbratwurst und das Lokal Fischerstube startet die EU-Themenwochen: Dabei werden die Forellen jede Woche nach Art eines anderen EU-Landes zubereitet. Das Mittelpunktsbrot, verrät Bäcker Biebrich in einem Zeitungsinterview, sei jedoch nicht eigens kreiert, sondern zuvor schon unter einem anderen Namen geplant gewesen. Die Westerngründer lassen also die Kirche im Dorf – und die ist weiterhin Mittelpunkt des Ortes und damit seit Kurzem schließlich auch der neue Nabel der EU.
Vanessa Kunkel

