Evangelium
Es kam für die Eltern Jesu der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
Lukas 2,22–32
Für viele von uns, ob nun in Deutschland oder Bolivien, ist es schwer, das Altern zu akzeptieren. Altsein setzen wir schnell gleich mit Langsamkeit, Vergesslichkeit, zunehmenden Schmerzen, Einsamkeit, Isolation und Traurigkeit, oder: das Leben nicht mehr in seiner Intensität
genießen können. Menschen hier in Bolivien können sich nur schwer vorstellen, dass die meisten Senioren in Deutschland allein und unabhängig leben. Denn die Bolivianer sind mehrheitlich gewohnt, in der Großfamilie ihren Platz zu haben.
Mit meinen 55 Jahren fühle ich mich voller Schaffenskraft. Aber ich merke, dass manches nicht mehr so schnell geht wie noch vor 15 Jahren, dass ich schneller müde werde und eines nach dem anderen machen muss. Alt fühle ich mich noch nicht. Aber mich beschäftigt die Frage: Wie kann man auch als alter Mensch glücklich und zufrieden sein?
Ohne Zweifel hängt vieles von den familiären Umständen ab, von den Freunden, der persönlichen Gesundheit, auch von der finanziellen Altersversorgung. Aber das Altwerden zu akzeptieren hängt zu einem guten Teil von jedem Einzelnen ab, der in diese Lebensphase eintritt.
Der Evangelist Lukas beschreibt in einer liebevollen und zärtlichen Erzählung die beiden sympathischen alten Menschen Simeon und Anna. Zwei Senioren, die ihre letzten Jahre im Schatten des Jerusalemer Tempels verbringen, um Gott Dank zu sagen und den Menschen ihre Weisheit und Erfahrung anzubieten.
Ohne Zweifel: Altwerden ist keine leichte Kunst. Ein erster Schritt könnte sein, schon früh zu lernen, demütig das Leben anzunehmen, wie es ist, mit seinem eigenen Rhythmus, seinen Möglichkeiten und Grenzen. Es bedarf großer Weisheit, jeweils die Lebensphase, in der wir uns gerade befinden, in ihrer Eigenart anzunehmen, nüchtern, gelassen und ohne uns etwas vorzumachen.
Welche Chancen bietet gerade die letzte Etappe unseres irdischen Lebens, die als traurig und gefürchtet gilt? Das Alter ist eine gute Gelegenheit, dem Frieden im eigenen Innern und der Versöhnung mit sich selbst Raum zu geben. Das erlebe ich in diesen Monaten sehr schön bei meiner eigenen Mutter, die jetzt mit ihren 83 Jahren die positiven wie negativen Kindheits- und Jugenderlebnisse aufschreibt, für uns Kinder, aber auch, um selbst in Frieden Lebenskapitel zu schließen.
Wenn Aktivitäten und die Sorge für und um andere abnehmen, kann ich lernen, auszuruhen von früherer Hektik, um mit mehr Gelassenheit mich selbst zu finden. Ich bewundere das große Gottvertrauen, das viele alte Menschen in sich tragen. Dieses Vertrauen hilft ihnen, das zurückliegende Leben mit den milden Augen Gottes zu betrachten, der Verständnis hat für unsere Fehler und Irrtümer, der auch unsere dunkelsten Seiten mit ihren Sünden vergibt und uns so annimmt und liebt, wie wir sind.
Ich wünsche mir, mein Leben und meine Zukunft wie Simeon mit froher Erwartung in Gottes Hände zu legen, weil letztendlich nur Er uns immer liebt. „Lass, Herr, Deine Diener/-innen in Frieden scheiden, denn unsere Augen haben das Heil gesehen, das Du uns bereitest.“
Der Autor („thomas.hermes@bistum-wuerzburg.de“) ist Priester der Diözese Würzburg, freigestellt als Missionar und seit knapp 20 Jahren in Bolivien/Südamerika im Einsatz.