Den Tagen mehr Leben geben
Es sind die leisen Töne, die an diesem Ort so wichtig sind. Gehört werden sie von Menschen, die sich der Aufgabe verschrieben haben, Sterbende in ihren letzten Tagen, Wochen und Monaten zu begleiten. In dem im Sommer 2013 eröffneten Hospiz der Stiftung Juliusspital wird man mit viel Wärme empfangen: „Willkommen bei uns im Hospiz – Wir sind für Sie da.“ Sibylla Baumann, Leiterin der Einrichtung, legt größten Wert darauf, dass die Menschen, die hierher kommen, als Gäste angesehen werden. „Hier herrscht keine Krankenhausatmosphäre. Das hatten diese Menschen lange genug.“ Alles habe sich lange nur um Krankheiten, Symptome, Medizin gedreht. „Aber wer ist der Mensch dahinter? Sein Leben, sein Beruf, seine Familie?“ Sibylla Baumann hat sich als erfahrene Intensiv- und Palliativkrankenschwester und als vierfache Mutter bewusst dafür entschieden, sich der Aufgabe Hospiz zu stellen.
Der Blick schweift durch einen großen, hellen Eingangsbereich mit Pforte, rechts stehen bunte Lehnsessel in einer Sitzgruppe zusammen, hohe Grünpflanzen vermitteln ein wohnliches Ambiente, Bilder hängen an den farbig gestrichenen Wänden. „All jene, die hierher kommen, sind medikamentös sehr gut eingestellt, im Krankenhaus müssen sie nicht länger bleiben. Wohin sollen sie gehen? Daheim fehlen oft die Möglichkeiten, um eine gute Versorgung aufrechtzuerhalten“, erklärt Baumann. Die Zeit, die noch bleibt, ist enorm wichtig – für Familie, für Dinge, die es noch zu regeln gilt. Der Kranke ist aber möglicherweise alleinstehend oder die Angehörigen sind nicht in der Lage, ihn zu versorgen. Im Hospiz kümmern sich 15 Mitarbeiter um die Gäste – medizinisch wie menschlich. Besonders für Letzteres ist hier Raum. Es sind schließlich nicht nur alte Menschen, die sterbenskrank sind. „Und dann – wohin mit ihnen? Sie müssten in ein Pflegeheim.“ Für Sibylla Baumann ein furchtbarer Gedanke. Darum war es ihr ein großes Anliegen, sich schon in der Bauphase des neuen Hospizes einzubringen und einen Ort zum Wohlfühlen zu schaffen.
Viele sind darum bemüht, diesen Gedanken im Haus täglich umzusetzen: Das Team um Sibylla Baumann wird durch Ehrenamtliche des Hospizsvereines und des Malteser Hilfsdienstes unterstützt. Die Leiterin freut sich darüber sehr: „Jeden Tag bekommen wir Besuch von einem Hospizbegleiter. Es ist jemand, der von außen kommt, andere Themen anspricht. Wir wissen den Gast gut betreut, und das ist für uns enorm erleichternd.“
Eine persönliche Note zieht sich durch die Räume der Einrichtung – ganz gleich, ob das der Flügel im Wohn-Essbereich ist, wo Sofaecke und Bücherwand für Behaglichkeit sorgen. Oder der getönte Spiegel in jedem Gästezimmer; denn niemand soll hier durch seine blasse Gesichtsfarbe ständig an seine Tod bringende Krankheit erinnert werden. Gut fühlen, so gut es geht, heißt das Motto – durch den Blick für Kleinigkeiten ist das dem Team gelungen. Bettina Jörg gehört zum Team des Hospizes. Sie ist seit 18 Jahren im Pflegedienst tätig und empfindet ebenso wie ihre Kollegin Saskia Schönig die Arbeit im neuen Hospiz als bereichernd und erfüllend. „Jeder, der hier arbeitet, weiß, was er tut. Und das, was wir tun, kann nicht jeder.
Schön ist nun, dass wir etwas mit aufbauen können. Es herrscht kein Erfolgs- oder Zeitdruck, es gibt keine Strukturen, denen wir uns anpassen müssen. Und – wir haben Zeit für den Gast.“ Und nicht nur für den – auch den Angehörigen schenkt man hier Zeit und Zuwendung. Denn auch für sie soll dieser Ort ein Ort der Achtsamkeit sein – und bleiben. So können sie auch nach dem Tod ihres Angehörigen immer wieder herkommen; der für das Frühjahr geplante Steingarten soll unter anderem dazu dienen, beschriftete Kiesel abzulegen. Hier darf die Erinnerung weiterleben – wie auch im Gedenkbuch, in dem jeder Bewohner des Hauses seinen Platz finden wird. An Jahrestagen möchte sich Sibylla Baumann Zeit nehmen, um gemeinsam mit Angehörigen darin zu blättern.
Zuvor haben Verwandte eines Gastes jederzeit die Möglichkeit im Hospiz zu übernachten, Besuchszeiten gibt es nicht, Ausgang hat jeder, wann immer er oder sie möchte. Im Hospiz gibt es im Gegensatz zum Krankenhaus keine Visiten, keine Regelzeiten für die Medikamentenvergabe. Diese Versorgung läuft über den jeweiligen Hausarzt. Begleitend kommt das Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) ins Haus, zu dem in besonderen Fällen eine 24-Stunden-Rufbereitschaft besteht. Da kein zeitliches Korsett den Tag im Hospiz bestimmt, haben die Gäste wieder mehr Zeit für sich. Richtig genießen würden sie das aber erst nach und nach, denn es brauche eine Phase der Eingewöhnung, erklärt Sibylla Baumann: „Nun sind sie schon wieder in einer anderen Einrichtung, haben Angst, wissen nicht, was kommt. Wir lassen sie erst einmal ankommen. Hier verlangt ihnen niemand etwas ab, aber das müssen sie erst einmal realisieren. Dazu gehört von unserer Seite enorm viel Feingefühl.“ Es sei anmaßend zu meinen, dass man wisse, was der andere gerade brauche, sagt sie. „Das kann ich gar nicht wissen. Da gilt es für uns im Team, sich zurückzuhalten. Seine Wünsche äußert der Gast schon von ganz alleine.“
Sibylla Baumann kann auf ein Team aus erfahrenen Krankenschwestern mit unterschiedlichen Fachkompetenzen bauen. Fachkompetenz, langjährige Berufserfahrung, persönliche Stärke und Einfühlungsvermögen gehören zum Rüstzeug, wenn man täglich mit Sterbenden umgeht. Tritt dennoch ein Problem auf, wird es gemeinsam im Team aufgearbeitet. Grundvorraussetzung dazu ist ein vertrauensvoller Umgang unter den Mitarbeitern – daran hat Sibylla Baumann vom ersten Tag an gearbeitet. „Wir haben hier keine Zeit, drumherum zu reden. Dinge müssen offen auf den Tisch. Im Team werden Verlässlichkeit und Offenheit gelebt, denn ohne das geht es nicht.“ Sie müssen auch untereinander reden können, sich austauschen dürfen, das Gefühl haben, sich anvertrauen zu können.
Die Leiterin kennt das aus ihrer eigenen Berufspraxis. „Es gibt Geschichten, da kann ich gut mitgehen und ich empfinde die Arbeit als extrem bereichernd für mich. Andere Geschichten berühren mich, weil ich darin Teile meines Lebensweges wieder entdecke.“ Im Team bekomme sie dazu den bestärkenden Rückenwind. Das macht sie stark für die Menschen, die ihre Unterstützung und Zuwendung am Ende des Lebens dringend brauchen. Besonders berührt fühlt sich Sibylla Baumann durch den Umstand, in die jeweilige Familienstruktur eines Gastes mit hineingenommen zu werden. „Das findet man sonst nirgends. Das Vertrauen, das einem entgegengebracht wird, die Offenheit, die man erfährt, die Achtsamkeit im Umgang miteinander, das lässt einen bewusster mit dem Leben umgehen.“
Liegt ein Gast dann im Sterben, ist es an ihr und ihren Kolleginnen zu erkennen, wann die Angehörigen benachrichtigt werden – auch, um sich noch verabschieden zu können. Ob Angehörige nun beim Umkleiden des verstorbenen dabeisein möchten oder eine Aussegnungsfeier für den Verstorbenen wünschen – all dass wird seitens der Hospizmitarbeiter berücksichtigt. „Es gibt kleine Rituale, die auch für uns wichtig sind: Wir hängen zum Beispiel ein Bild in die Tür und geben Holzherzen oder -plättchen aus, die nach dem Versterben je nach Wunsch mit dem Namen des Verstorbenen beschriftet und/oder in den Sarg hineingegeben werden können“, erklärt Baumann. Das Team des Hospizes behält den Blick auf die Hinterbliebenen, die Unterstützung und Zuspruch benötigen.
Am Sterbebett ebenso wie nach dem Tod ihres Angehörigen. Sie haben möglicherweise alles aufgegeben, ihr Tagesrhythmus wurde lange Zeit durch den Kranken bestimmt. „Viele können erst langsam über sich sprechen – ihre Ängste, ihre Wut, ihre Not. Was brauchen sie jetzt? Da kommen manchmal alte Familiengeschichten hoch“, erläutert die Leiterin des Hospizes. „Wir machen schon zeitig behutsam klar: Reden sie noch einmal mit dem Kranken. Es geht oft nur um Tage oder Stunden, um Dinge noch zu klären oder Wünsche in Ruhe zu besprechen.“ All das täglich Erlebte gehört in regelmäßigen Abständen aufgearbeitet – auch und gerade für Menschen, die täglich mit dem Sterben konfrontiert werden. Sibylla Baumann setzt auf die Stärke ihrer Mitarbeiter – im Einzelnen und als Team. „Wir sitzen alle in einem Boot, das muss uns klar sein. Toleranz und die Stärke, Fehler einzugestehen, daran appelliere ich. Denn hier geht es nicht um unsere Befindlichkeiten, sondern um die desjenigen, der nur noch wenige Tage zu leben hat. Seinen Tagen möchten wir mehr Leben geben.“
Kontakt: Juliusspital Hospiz Würzburg, Friedrich-Spee-Straße 28, 97072 Würzburg,Telefon: 0931/393-2460, E-Mail: „hospiz@juliusspital.de“. oder im Internet unter der Adresse: „www.juliusspital.de“.
