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„Das ist ein gut dinck was wir tun“

Im Vergleich zu architek­toni­schen Zeugnissen der Stadt­geschichte wie Festung und Alte Mainbrücke wirken die Bän­de 1 bis 4 der Würzburger Rats­­protokolle der Jahre 1432 bis 1454 klein und unscheinbar. Dennoch bieten sie historischen Zünd­stoff sowie zahlreiche spannende Informa­tionen. Beispielsweise über die zu jener Zeit ausufernden Auseinandersetzungen zwischen Bischof Johann II. von Brunn (Regierungszeit 1411 bis 1440) auf der einen Seite sowie dem Domkapitel und der Bürgerschaft auf der anderen. Weil der geschichtsinteressierte Otto Normalverbraucher die in spätgotisch kursiver Schrift von den Stadtschreibern verfassten Texte nicht lesen kann, erscheint im Frühsommer der erste Band der „übersetzten“ Protokolle vom 5. April 1432 bis 28. August 1454 im Buchhandel.
Den Stein ins Rollen brachte der Leiter des städtischen Archivs, Dr. Ulrich Wagner. Er wandte sich an Prof. Franz Fuchs vom Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte der Universität, unter dessen Federfüh­rung die Wissenschaftlerin Antonia Bieber seit 2009 dieses Projekt verwirklichte. Die rund 500-seitige Pub­likation beschreibt anschaulich die Tätigkeit des meist 24-köpfigen städtischen Rates und gewährt ebenfalls Einblick in den Geschäftsalltag dieses Führungsgremiums. Auch anderswo verewigten Stadtschreiber die wichtigsten Beschlüsse und Vorhaben in Ratsprotokollen: in Köln ab 1320, in Nürnberg seit 1449. „In Würzburg werden nicht nur bedeutende Ereignisse erwähnt, sondern manchmal auch nach heutigem Verständnis Belanglosigkeiten, beispielsweise dass jemand schlechten Fisch verkaufte“, erklärte Antonia Bieber.   Die Magistra im Fach Mittelalterliche Geschichte war sehr überrascht, dass die Protokolle teilweise wörtliche Rede enthalten: Deswegen wirken sie authentisch, an verschiedenen Stellen sogar sehr eindringlich. „Das hatte ich in dieser Form nicht erwartet.“ Manche Themen werden zwar etwas langatmig abgehandelt, trotzdem sind die Protokolle äußerst interessant. „Es lohnt sich auf alle Fälle, sie zu lesen“.  

Der Konflikt eskaliert

Die Niederschriften führen zudem die Namen unentschuldigt abwesender Räte auf, die aufgrund dessen ein Strafgeld (Pene) zahlen mussten. Teilweise enthalten die Protokolle sogar Skizzen, unter anderem vom Grafeneckartturm. Die Herausgeber gehen davon aus, dass die Aufzeichnungen des städtischen Rates 1432 begannen, weil damals der Konflikt zwischen Bischof und dem von den Bürgern unterstützten Domkapitel eskalierte.   Erstmals wurde der städtische Rat 1256 erwähnt. Bischof und Domkapitel setzten die auf Lebenszeit gewählten Ratsherren ein. Zu den Voraussetzungen gehörten Ansehen und Unbescholtenheit, ein materielles Vermögen war zwar offiziell nicht erforderlich, jedoch in der Praxis unabdingbar. Die Ratsmitglieder wählten jedes Jahr zwei Bürgermeister aus ihren Reihen.   Der städtische Rat entschied über Bauvorhaben, bestellte Wachpersonal, behandelte und urteilte bei zivilen Streitigkeiten (Beschimpfungen, Körperverletzung), nahm Stadtdienern den Eid ab und arbeitete – wie heute noch – in Ausschüssen. Die zwei Bürgermeister leiteten die Ratssitzungen und übernahmen repräsentative Aufgaben.  

„... ein gut dinck ...“

Der Bischof hatte die höchste geistliche und weltliche Gewalt auf dem Gebiet des Fürstbistums Würzburg sowie die Gerichtshoheit inne und war darüber hinaus Landes- und Stadtherr im Hochstift. Das Domkapitel hatte seit dem Jahr 941 das Recht zur Bischofswahl, tatsächlich kam es jedoch erst 1225 zur Anwendung. Als Gegengewicht zum städtischen Rat setzte der Bischof seit 1256 den Oberrat ein, der sich vor allem um wirtschaftliche Belange kümmerte. Diesem Gremium gehörten sechs geistliche und sechs weltliche Mitglieder an. Bei unentschiedenem Abstimmungsergebnis entschied der bischöfliche Schultheiß (Vertreter des Bischofs).    Das Verhältnis zum Bischof verdeutlicht beispielsweise ein Textauszug der städtischen Ratssitzung vom 17. Dezember 1443: „Es ist geratslacht … und ist beslossen worden, das man meyn hern (den Bischof) bite, das er sulche drinkstuben (Trinkstuben) von sein und des capitels (Domkapitels) wegen uber die canczeln verbieten lassen.“ Anscheinend mangelte es dem städtischen Rat zuweilen nicht an Selbstvertrauen. Im Band 1 der Ratsprotokolle steht hinten auf Seite 62: „… Das ist ein gut dinck was wir tun.“    

Fünfteilige Serie

Dieser Artikel bildet den Auftakt einer Serie über die Ratsprotokolle mit insgesamt fünf Teilen. Es folgen Veröffentlichungen zur Zerstörung der Neuenburg, über die Bischöfe Johann II. von Brunn, Sigmund von Sachsen und Gottfried von Limpurg. Teil 4 dreht sich um den Fall des Jakob Püterich, mit dem sich sogar der Papst beschäftigen musste. Am Ende der Serie gibt es eine Publikation zur Ratsbruderschaft, die immer in der Marienkapelle getagt hat.