Wanderwege gibt es zwischen Sinngrund und Spessart zuhauf. Doch es darf gerne auch etwas mehr sein. Der im Frühsommer 2025 eröffnete Besinnungsweg „Mehrblick“ verläuft durch eine malerische Landschaft, ist zu allen Jahreszeiten begehbar, gut ausgeschildert und bietet gehaltvolle Texte sowie online abrufbare Informationen. Angesiedelt ist der Rundweg in Fellen (Pastoraler Raum Gemünden a.Main). Die Gemeinde hat etwa 900 Einwohner und gehörte im Mittelalter zur Grafschaft Rieneck, anschließend zum Bistum Mainz, zur Großherzoglichen Frankfurtischen Provinz Aschaffenburg und seit 1814 zu Bayern. In den heutigen Ortsteil Rengersbrunn verirrte sich der Sage nach einst Kaiser Friedrich Barbarossa, die dortige Kirche Mariä Geburt ist seit 1460 Wallfahrtsziel und liegt deshalb heute am Fränkischen Marienweg.
Wer aufschaut, erweitert den Horizont
Die inhaltliche Gestaltung des Besinnungswegs „Mehrblick“ hat kein geringerer als Paul Weismantel übernommen. Der Domvikar in Würzburg und geistliche Leiter des Exerzitienhauses Himmelspforten ist ein gebürtiger Fellener. „Nicht nur auf den Boden schauen, sondern den Horizont erweitern“, lautete seine Devise. „Die Stationen laden ein, beim Gehen die eigenen Sinne zu öffnen und uns neu bewusst zu werden, wie viel Schönes und Gutes so nahe liegt. Es liegt an uns selbst, ob wir uns davon berühren und begeistern lassen.“
Vom Fellener Ortskern geht es über die Flurstraße östlich aus dem Ort hinaus. Wer am Parkplatz am Sportgelände parkt, biegt beim Weg in den Ortskern nach 100 Metern scharf links ab. Durch das Firmengelände einer Gärtnerei geht es bergauf bis zum Startpunkt. In unmittelbarer Nähe des Flurkreuzes beginnt der Besinnungsweg. Die Wegmarkierung zeigt zwei ineinander verschlungene Gesichter. Sie führt sicher entlang des Rundweges, der anfangs stetig moderat ansteigt.
Weitblick durch den Bilderrahmen
Einer Rechtsbiegung folgend ist nach wenigen Minuten die erste Station „Weitblick“ am Herrenberg erreicht. „Mehr Weitblick bekomme ich, wenn ich mit dem Kopf auch die Augen und das Herz erhebe. Dann öffnet und weitet sich mein engstirniger Horizont zum größeren Überblick“, beschreibt es der entsprechende Weismantel-Text. Wer sich kurz erholen möchte, kann das auf einer Sitzkombination oder auf Relaxliegen in unmittelbarer Nähe tun. Die wunderschöne Aussicht auf Fellen und seine Kirche St. Johannes ist auch durch einen großen Bilderrahmen möglich. Dann geht es wieder bergab, ins Rienecker Tal und in den Wald. Unmittelbar am Wasserbecken geht es um eine scharfe Rechtskurve, um nach einem kurzen Anstieg den Wald wieder zu verlassen.
Besondere Augen- und Ausblicke
Bald ist die Station „Augenblick“ erreicht. „Ein einziger Augenblick kann mir zu einer besonderen Gnade werden, durch die mir der Himmel neu aufgeht und diese Erde berührt“, schreibt Paul Weismantel. Beim Blick über die Wiesen hinab ins Rienecker Tal und auf die Waldrücken in der Ferne mag man ihm nur zustimmen.
Fellen ist nun wieder gut zu sehen, auch an der Station „Durchblick“, an der wieder Bänke für eine kurze Pause bereit stehen. „Manchmal muss ich ihn mir verschaffen, den nötigen Durchblick, um mich zu orientieren und zu entscheiden, welche Richtung ich einschlagen will.“ Der dritte Impuls begleitet auf dem Weg hinab ins Engental. Dort ist tatsächlich Durchblick nötig, um in der Rechts-Links-Kombination die Wegmarkierung nicht aus den Augen zu verlieren. Dann geht’s wieder bergauf und zur Station „Blickwinkel“, die daran erinnert: „Die eigene Sicht wird immer geprägt von meiner Sehweise, der Blickrichtung und dem Blickwinkel, den ich einnehme.“
Lichtblicke pflücken wie Blumen
Auf dem folgenden Streckenabschnitt wird ein weiteres Mal deutlich, dass der Besinnungs- auch ein Panoramaweg ist, der viele Blickwinkel bereithält. Eine Weile geht es auf halber Höhe vorbei an Wald und Feldern, bevor die Strecke einen Knick macht, bergab und bald wieder in die Gegenrichtung führt. In der Zwischenzeit ist mit der fünften Station ein weiterer „Lichtblick“ erreicht. Ein Text Paul Weismantels empfiehlt: „Du kannst deine Lichtblicke sammeln, sie pflücken wie Blumen, um damit einen bunten Strauß zu binden, der andere aufblühen lässt.“
Danach führt der Weg weiter zwischen Wald und Wiesen zur vorletzten Station - ein „Blickfang“. Dieser kann, folgt man Weismantels Worten, lehren, „länger und tiefer, höher und weiter zu schauen, als ich das bisher gewohnt war“. Mit Drahtseilen zwischen zwei Bäumen gespannt, hängt hier eine angedeutete Figur aus Stämmen und blickt über das Tal der Fella. Ist das Holz tatsächlich so gewachsen, dass die abstehenden Äste wie zwei hochgestreckte Arme wirken? Was trägt die Figur da auf dem Kopf? Eine Dornenkrone?
Ein Wanderweg ohne Widerstände
Weiter darüber nachgedacht wird auf den letzten paar hundert Metern des Weges. Entlang einiger privater Ruhezonen geht es zurück nach Fellen. Vor dem Ortseingang wartet an Station sieben der „Rückblick“ - womöglich auch der über die eigene Schulter. Schließlich kann uns allen beim Zurückblicken aufgehen, „durch Widerstände und Hindernisse nicht zerbrochen, sondern gewachsen und gereift“ zu sein. Widerstände und Hindernisse sind auf der vergangenen Strecke jedoch kaum zu erwarten.
Zuletzt geht es den Äußersberg hinab. Am „Sauplatz“ laden Ruhebänke, Schattenplätze, Bach und Bocciabahn zum Verweilen ein. Weitere Abstecher lohnen sich nur wenige Meter weiter in die Kirche St. Johannes oder ins Kneippbecken, das aus dem Lauf der Fella gespeist wird.
Extra-Strecke
Wer die gut sechs Kilometer lange Tour noch um etwa einen verlängern möchte, geht zwischendurch auf dem Fellener Wanderweg, der mit dem Hasen-Symbol markiert ist. Dafür nach der zweiten Station umkehren und nach etwa 300 Metern dem Hasen rechtsherum folgen. Der Wanderweg führt dann noch etwas weiter durchs Rienecker Tal in die Waldabteilung „Kihrlein“ und durchs Engental zurück Richtung Fellen. Wenn dann auf halber Stecke Richtung Ort wieder der Besinnungsweg kreuzt, dann entweder gegen dessen Laufrichtung rechts halten und Station 3 nachholen, oder links weiter und nach gut 300 Metern bei Station 4 wieder einsteigen.
Sebastian Haas (Würzburger katholisches Sonntagsblatt)












