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      Auf dem Volkersberg sprachen Menschen darüber, warum sie aus der Kirche ausgetreten sind und wie ihre spirituelle Suche weitergeht

      Austreten, um den Glauben zu retten?

      Ein Rekordhoch verzeichnet die Kirchliche Statistik der Deutschen Bischofskonferenz für das Jahr 2022 bei den Kirchenaustrittszahlen: Demnach haben 16000 Menschen die Katholische Kirche im Bistum Würzburg im vergangenen Jahr verlassen; das sind fast 6000 mehr als im Jahr zuvor. Diese Zahlen sorgen nicht nur bei der Diözesanleitung regelmäßig für große Betroffenheit.

      „Auch unter Kollegen und in kirchlichen Gemeindegremien sprechen wir oft darüber. Kontakt zu den Menschen, die ausgetreten sind, haben wir aber nicht“, berichtet Jens Hausdörfer, Pastoralreferent in einer Rhöner Pfarreiengemeinschaft und Geistlicher Begleiter im Haus Volkersberg. Dieser Sprach- und Kontaktlosigkeit wollten Jens Hausdörfer und Bildungsreferentin Annekatrin Vogler entgegenwirken und haben deshalb unter dem Titel „Aus der Kirche ausgetreten und trotzdem glauben?“ auf den Volkersberg eingeladen. Anliegen war „ein offener und vertrauensvoller Austausch: Wir wollten den Menschen zuhören – mit ihrer Geschichte, ihren Gründen, ihren Sehnsüchten und Wünschen.“

      Individuelle Gründe

      Acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschiedlicher Herkunft, Prägung und Biografie haben sich an einem Samstag im Oktober auf dem Volkersberg in der Rhön zusammengefunden. Die meisten waren mit über 50 Jahren „gestandene Persönlichkeiten“, manche sind erst kürzlich, andere schon vor Jahrzehnten aus der evangelischen oder katholischen Kirche ausgetreten. Die Gründe für den Austritt waren höchst individuell und hatten doch ein verbindendes Moment. „Niemand tritt wegen einer Schlagzeile in der Zeitung aus der Kirche aus“, stellt Hausdörfer klar. Stattdessen bringe fast immer „eine persönliche Erfahrung, eine tiefe menschliche Verletzung“ das ohnehin schon randvoll gefüllte Fass aus Missbrauchsnachrichten, Vertrauensverlust und mangelnder Reformfreude zum Überlaufen.

      Ernst nehmen

      Konkrete Beispiele, die an diesem Tag sehr offen und emotional erzählt wurden, will der Seelsorger bewusst nicht nennen, „um Menschen, die bereits tief von der Kirche verletzt wurden, nicht wieder zu verletzen oder zu instrumentalisieren“.

      „Viele der Geschichten kamen mir aber bekannt vor“, fasst Jens Hausdörfer zusammen, und meint damit nicht konkrete Szenen oder Personen, sondern „innere Haltungen“. Gerade an Eckpunkten menschlicher Biografien – bei Taufe, Erstkommunion oder Beerdigung – würden Menschen die Erfahrung machen, dass sie nicht gesehen und nicht ernst genommen werden. „Da beharren Seelsorger auf der Einhaltung kirchlicher Regeln, gehen unsensibel über menschliche und spirituelle Bedürfnisse hinweg, verhalten sich zurückweisend und übergriffig, indem sie ein Leben be- und abwerten.“ All das verletze Menschen in ihrer Würde und ziehe zuweilen ein tiefes Trauma nach sich. Dass sie ihre Erfahrungen teilen konnten, hat nach Hausdörfers Wahrnehmung gut getan, weil spürbar wurde: „Ich bin nicht allein, meine Wahrnehmung ist nicht falsch und es ist gut, dass ich mich geschützt habe.“

      Spirituell geblieben

      Und doch: Obwohl sie der Institution Kirche den Rücken gekehrt haben, hört das Hadern mit dem Austritt nicht auf. „Menschen, die die Kirchen verlassen, werden nicht automatisch zu Atheisten“, so Hausdörfer: „Viele verstehen sich weiterhin als spirituell und verlassen die Kirchen gerade deshalb, weil sie ihren Glauben retten wollen.“ Einzelne bleiben im Herzen sogar weiterhin katholisch, weil sie ihr „Katholisch-Sein nicht einfach ablegen“ können. Die meisten aber finden in ihren Gemeinden kein passendes Umfeld mehr, weil sie die dort gelebte Frömmigkeit als „zu einfach und zu eng“ empfinden.

      Wie sich der spirituelle Weg nach dem Austritt weiter gestaltet, ist höchst individuell. Manche würden sich dem kontemplativen Gebet zuwenden, so Hausdörfer, andere fänden den nächsten Schritt in anderen religiösen Traditionen, wieder andere nutzten Meditations- und Achtsamkeits-Angebote auf dem freien Markt.

      Sehnsuchtsorte

      Zugleich haben die Menschen offenbar eine große Sehnsucht nach Orten, an denen sie ihren Glauben leben können. Für manche bleibt der Kirchenraum ein wichtiger Ort, häufig genannt wurden aber auch der Volkersberg oder der Frauenberg in Fulda – also „kirchliche Orte außerhalb der typisch katholischen Struktur und mit einer gewissen Anonymität, die aber vor allem die Botschaft vermitteln: Du bist willkommen – so wie Du bist, mit Deiner Spiritualität und Deiner Geschichte.“

      Den gemeinsamen Austausch haben die Teilnehmenden als „große Bereicherung“ empfunden, so Jens Hausdörfer: „Die Menschen haben geradezu nach den Erfahrungen anderer gelechzt, wollten wissen: Was machst du? Welchen Weg gehst du?“ Der Wunsch, sich als Gruppe wiederzusehen, sei deshalb entsprechend groß gewesen. Eine dauerhafte Begleitung könne der Volkersberg aktuell personell nicht leisten, bedauert das Team, dennoch wolle man auch im kommenden Jahr wieder ein Seminar mit dem gleichen Titel und Anliegen anbieten.

      Warum bleiben?

      Für Jens Hausdörfer als hauptamtlichen Mitarbeiter der Kirche, der die Probleme zugleich gut kennt, bleibt die Situation ein großer Spagat. Immer wieder beschäftigen ihn in den Tagen nach dem Seminar die Worte einer Teilnehmerin, die auf die Frage nach ihrem Austrittsgrund geantwortet hat: „Erzählen Sie mir, warum Sie noch in der Kirche sind!“ Geantwortet habe er darauf, dass Kirche „so viel mehr ist als Institution und Struktur, Gottesdienst und Sakramente, Priester und Päpste“. Kirche sei für ihn „vor allem ein Ort der Begegnung mit dem großen Geheimnis, das wir Gott nennen“, und diesen Anspruch wolle er „auch innerhalb der Institution Katholische Kirche einfordern“.

      Anja Legge

      Medientipp

      Zur Thematik gibt es von der TV-Redaktion der Diözese ein Video. Es ist abrufbar unter: „https://bistum.tv/videos/972-aus-der-kirche-ausgetreten-aber-trotzdem-glauben“.