Allein in Óbidos
?Für ein paar Wochen nach Ódidos reisen, dort leben und arbeiten – wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Von August bis Ende November habe ich ein Auslandssemster in Campinas im Bundesstaat São Paulo gemacht. Da in Deutschland das Semester erst wieder im April beginnt, hatte ich also noch ein bisschen Zeit. Und da ich schon einmal im Land war, dachte ich mir, es wäre eine gute Idee, unsere Partnerdiözese zu besuchen. Denn eine Partnerschaft findet ja nicht nur auf dem Papier statt, sondern muss gelebt werden.
So habe ich bei Bischof Bernardo Bahlmann angefragt, ob ich für ein paar Wochen nach Óbidos kommen kann. Er hat mich dann ganz freundlich eingeladen, und so bin ich Anfang Dezember nach Óbidos gereist. Es war wirklich eine „Reise“: Denn obwohl ich schon im Land war, musste ich noch zwei Flüge und eine Bootsfahrt auf mich nehmen, um an mein Ziel zu gelangen.
?Wie ist die Situation in Brasilien? Spürt man schon etwas von der Fußball-WM im Sommer?
Fußball spielt in Óbidos eine große Rolle, da wenig andere Freizeit- und Kulturangebote vorhanden sind. Dementsprechend freuen sich die Brasilianer auch auf die WM. Doch ein Ticket ist für den Normalbürger unbezahlbar.
Große politische Diskussionen mit den Jugendlichen in Óbidos habe ich nicht geführt, dafür aber mit den Studenten im Süden des Landes. Dort wird das Thema schon kontrovers diskutiert. Sei es die Frage der hohen finanziellen Belastung, die mit der Ausrichtung der Spiele einhergeht, die Sicherheit bei den Spielen oder auch die Frage, ob nicht durch die Lobbyarbeit der Fussballorganisationen die Korruption in Brasilien sogar gefördert wird.
?Wie sah Ihr Alltag in Óbidos aus?
Um sieben Uhr begann der Tag mit der Laudes, welche die Bewohner des „Seminars“ (so wird der Diözesansitz genannt, Anm. d. Red.) in der Kapelle feiern. Anschließend gab es Frühstück. Bis zum Mittagessen ging ich Projekten nach wie etwa dem Aufbau des Internetauftritts der Diözese. Oder der Bischof hatte einen speziellen Auftrag für mich. Nach dem Mittagessen war bis 14 Uhr Mittagsruhe. Anschließend fuhr ich mit dem Fahrrad zum Projekt „cultura pela paz“, einem Jugendzentrum in Óbidos, und half der Lehrerin beim Informatikunterricht. Um 19 Uhr gab es Abendessen, danach klang der Abend meist ruhig aus beim Fernsehschauen oder beim Gespräch. Aber erstens musste man die Uhrzeiten nicht so eng sehen und zweitens wurde der Alltag oft durch Ausflüge oder Besuche aus Deutschland unterbrochen.
?Bei den Pfarrgemeinderatswahlen in der Diözese Würzburg fanden sich teilweise nicht genug Kandidaten. Gibt es solche Schwierigkeiten in Ódidos auch?
Ich glaube nicht, dass dieses Problem dort auftreten würde. In der Diözese gibt es zirka 20 Priester. Dementsprechend wird der Großteil des kirchlichen Lebens von Laien gestaltet. Manche Gemeinden sehen nur einmal im Jahr einen Priester. Die Gemeinden organisieren sich also selbst.
Das ist ein grundlegender Unterschied: Während wir in Deutschland viel Verantwortung auf den Pfarrer oder die Diözesanverwaltung abschieben und Kirche als „Service“ wahrnehmen, ist Kirche dort viel mehr eine Gemeinschaft, in die sich jeder einbringen muss. Auch bei freiwilligem Engagement im Kleinen schaut es anders aus: Fürbitten vorlesen, die Lesung vortragen oder Gitarre spielen – jeder bringt sich ohne Zögern und Zaudern in den Gottesdienst ein.
?Was hat Sie besonders bewegt?
Was mich immer wieder aufs Neue bewegt hat, ist die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Menschen. Stets wurden einem freundlich die Türen geöffnet. Überrascht hat mich, wie die Flussbewohner, die sogenannten Ribeirinhos, sich fernab von jeder Infrastruktur selbst versorgen. Auf der einen Seite ist es sehr faszinierend, wie sie im Einklang mit der Natur leben; wobei sie auch den Plastikabfall direkt vor der Haustüre entsorgen. Andererseits ist ihre Situation nicht zufriedenstellend, da der wichtige Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen fehlt.
?Papst Franziskus ist seit einem Jahr im Amt. Wie sehen ihn die Menschen in Südamerika?
Es ist ihr Papst, der ihre Kirche kennt und nun die südamerikanische Sicht in die Weltkirche einbringt. Sie fühlen sich jetzt wohl auch zum ersten Mal richtig verstanden und wahrgenommen. Nach dem Motto: Endlich versteht mal einer, was wir hier für Probleme haben. Sie sind stolz auf ihn und haben viele Hoffnungen. Dennoch genießt Benedikt XVI. ebenso ein hohes Ansehen und viel Respekt.
?Gibt es Unterschiede im gelebten Glauben zwischen Brasilianern und Deutschen?
In Deutschland scheint mir der Glaube konzentrierter zu sein, mehr in sich gekehrt und mehr in der Stille gelebt. Die Brasilianer gehen mehr aus sich heraus. Zum Beispiel stehen während der eucharistischen Aussetzung die Leute auf und fassen die Monstranz an. Auch die Prozession hat nicht so klare Symmetrieachsen, wie ich es aus meiner Heimatpfarrei gewohnt bin. Die Gesänge sind meiner Meinung nach viel ausdrucksstärker. In einem meiner ersten Gottesdienste in Óbidos wurde auch die Krankensalbung gespendet. Quasi die ganze Gemeinde ging vor zum Altar und hat sich das Sakrament spenden lassen.
Vielleicht ist es etwas gewagt, aber mein Eindruck ist, dass die Brasilianer mehr mit dem Herzen, die Deutschen mehr mit dem Kopf glauben. Das spiegelt ja vielleicht auch ein bisschen den Unterschied der beiden Päpste Benedikt und Franziskus wieder.
?Was nehmen Sie von dieser Reise mit?
Viel. Ich bin sehr froh, dass ich in Óbidos sein dufte. In gewisser Weise gibt einem das – gerade wenn man das einfache Leben der Menschen im Landesinneren sieht – eine andere Erdung. Das Leben in Deutschland ist teilweise sehr „abgehoben“. Auch werde ich in Deutschland manche Dinge wohl nicht mehr ganz so ernst nehmen. Und meine Sensibilität für die „Eine Welt“ ist weiter gewachsen. Die Handlungen und Entscheidungen in Deutschland haben oft direkte Auswirkungen auf die Welt dort. Die Zusammenhänge sind zwar sehr komplex, aber es lohnt sich doch immer, sie zu überdenken.
