Immer freundlich, immer lächelnd, immer hilfsbereit: So erlebt Bewohner Johann Peter (86) die indischen Auszubildenden im Bischof-Scheele-Haus, einer Senioreneinrichtung der „Caritas-Einrichtungen gGmbH“ (CEG). Das Pflegeheim auf dem Heuchelhof hat 70 Pflegeplätze und 85 Mitarbeiter, darunter aktuell neun Auszubildende aus Indien. „Wir schätzen die Pflegekräfte aus Indien“, sagt Bewohnerin Hannelore Peter (72), die mit ihrem Mann Johann ins Bischof-Scheele-Haus gezogen ist. Beide sind gesundheitlich angeschlagen und haben beschlossen, ihren gemeinsamen Lebensabend in der CEG-Einrichtung zu verbringen. Das freundliche Team habe diese Entscheidung erleichtert.
„Bei uns rufen täglich Menschen an, die einen Platz für ihre Angehörigen suchen“, berichtet CEG-Geschäftsführer Georg Sperrle. Die CEG betreibt im Bistum Würzburg 13 Seniorenheime und zwei Senioren-Tagesstätten. Unter den rund 1100 Mitarbeitern der CEG sind laut Sperrle Menschen aus 58 Nationen. „Vom Handwerk bis zur Pflege: Es mangelt überall an Fachkräften“, betont der CEG-Geschäftsführer. Wegen Personalmangels könnten alleine bei der CEG aktuell rund acht Prozent der knapp 1000 Pflegeplätze nicht belegt werden.
Nach Angaben von Domkapitular Monsignore Clemens Bieber, dem Vorsitzenden des Diözesan-Caritasverbands, ist die Quote an unbelegten Pflegeplätzen insgesamt sogar noch höher: Unter dem Dach der Caritas gebe es im Bistum aktuell 43 Senioren-Tagesstätten, 44 ambulante Pflegedienste („Sozialstationen“) und 41 Seniorenheime und Pflegeeinrichtungen mit insgesamt 2972 vollstationären Pflegeplätzen. „Wir können derzeit rund zehn Prozent der vorhandenen Pflegeplätze nicht belegen“, sagt Bieber mit Hinweis auf den Personalmangel.
Tausende Pflegekräfte notwendig
Und wegen des demographischen Wandels wächst der Bedarf stetig. Laut dem Diözesan-Caritasverband wird die Zahl pflegebedürftiger Menschen bis zum Jahr 2050 um 95.000 Menschen zunehmen, das seien etwa 35 Prozent mehr als im Jahr 2021. „Die Konsequenz ist: Wir brauchen bis 2050 weitere 2200 Pflegefachkräfte und ebenso viele Pflegehelfer“, sagt Clemens Bieber, und: „In dieser Situation sind wir sehr dankbar für die Unterstützung und Verstärkung von Pflegekräften aus anderen Kontinenten.“
Seit September 2024 läuft speziell die Zusammenarbeit mit Indien: 42 junge Menschen sind seitdem aus dem Bundesstaat Kerala nach Unterfranken gekommen. Besonders lobt Bieber die guten Deutschkenntnisse der neuen Auszubildenden. Zu den ersten 13 Frauen und drei Männern, die vor eineinhalb Jahren in Deutschland landeten, gehört Ann Mariya. Die mittlerweile 20-Jährige hatte sich zuvor zehn Monate lang auf den Aufenthalt vorbereitet. „Ich konnte Englisch, kannte also die Buchstaben, aber Deutsch war neu für mich“, erzählt sie.
Wohnung fertig eingerichtet
Nach der Landung in Frankfurt am Main wurden Ann Mariya und die anderen 15 neuen Mitarbeiter mit dem Bus abgeholt. Ihre erste Wohnung war direkt im Bischof-Scheele-Haus, die CEG sorgte für Möbel und füllte sogar den Kühlschrank zum Start auf. Diese Fürsorge schätzt Ann Mariya bis heute: „Wenn wir Hilfe brauchen, können wir uns an unseren Arbeitgeber wenden.“ Auch Kollegen und Bewohner seien sehr hilfsbereit und hätten alle die Ankunft erleichtert.
Im April 2025 kam dann Alkka Maria Thomas nach. „Alle sind sehr nett, und ich habe immer gute Erfahrungen gemacht“, fasst die 25-Jährige ihre Eindrücke zusammen. Beide junge Frauen absolvieren die Ausbildung zur Pflegefachfrau. „Die neuen Kolleginnen und Kollegen sind sehr lernwillig und fleißig“, sagt Pfleger Christoph Peter, der auch Vorsitzender der Mitarbeiter-Vertretung im Bischof-Scheele-Haus ist.
Stellen würden unbesetzt bleiben
Der Pfleger ist sich mit Einrichtungsleiter Sven Vinzens und CEG-Geschäftsführer Sperrle einig, dass die indischen Auszubildenden niemandem die Arbeit wegnehmen, sondern die Ausbildungsstellen sonst unbesetzt bleiben würden. „Es ist wichtig und wertvoll, Menschen aus anderen Ländern für die Pflege zu gewinnen, damit wir als Kirche und Caritas helfen können, wenn hilfs- und pflegebedürftige Menschen Versorgung und Pflege benötigen“, betont Sperrle. Clemens Bieber als Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes ist zudem wichtig, dass „wir Indien keine Pflegekräfte wegnehmen und somit dort eine Versorgungslücke entsteht“.
Das kann auch der aus Kerala stammende indische Pfarrer Augustin Thomas Parambakathu bestätigen: Die Provinz im Südwesten Indiens habe ein niedriges Durchschnittsalter und eine hohe Arbeitslosenquote bei jüngeren Menschen. Viele würden deshalb eine Perspektive suchen. Lange Zeit seien das die USA und andere englischsprachige Länder gewesen. „Bis vor fünf Jahren hat fast niemand die deutsche Sprache gelernt“, berichtet Pfarrer Augustin. Weil die Sprache die wichtigste Voraussetzung für Integration sei, habe er 2022 die Theresien-Akademie in seiner Heimat mitgegründet: Dort können sich junge Frauen und Männer auf einen Aufenthalt in Deutschland vorbereiten.
Seit 20 Jahren in Deutschland
Die CEG hat als Voraussetzung für eine Ausbildung in ihren Einrichtungen das Sprachniveau B 2 festgelegt. Das bedeutet: Bewerber müssen komplexe Inhalte verstehen, sich spontan und fließend ausdrücken sowie Texte zu abstrakten Themen verfassen können. Augustin Parambakathu reist selbst zwei bis drei Mal im Jahr nach Kerala, gibt Online-Kurse an der Theresien-Akademie und erläutert den Schülern das deutsche Pflegesystem. Pfarrer Augustin kam vor 20 Jahren nach Deutschland, seit 2008 ist er Priester in der Diözese Würzburg, aktuell als Moderator und Teampfarrer im Pastoralen Raum Spessart-Mitte und Vorsitzender der Caritas Sozialstation „St. Martin“ im Spessart. In Deutschland habe er ausschließlich positive Erfahrungen gemacht und ist längst deutscher Staatsbürger. „Heute kann ich etwas zurückgeben“, beschreibt er die Motivation, sich in dem Projekt der Caritas zu engagieren.
Mittlerweile werden in der Akademie in Kerala rund tausend junge Menschen unterrichtet. Bei allen, die bislang ins Bistum Würzburg kamen, kenne er die Familien. Der größte Teil sei katholisch, die Schule nehme allerdings Menschen aller Religionen auf. Pfarrer Augustin ist zufrieden, dass bisher auch alle Auszubildenden in Deutschland geblieben seien. Das zeige, dass die jungen Menschen aus Indien sich zum einen hier wohl fühlen und zum anderen auch dringend gebraucht werden.
„Ich möchte hier in Deutschland bleiben“, ist auch die klare Ansage der 20-jährigen Ann Mariya. Am liebsten würde sie sogar ihre Eltern und ihre Schwester nachholen. Einige der Auszubildenden sind mittlerweile vom Bischof-Scheele-Haus ins ehemaligen Kloster St. Alfons umgezogen. Laut CEG-Geschäftsführer Georg Sperrle haben die Pfarrei St. Alfons und die Verantwortlichen im Bistum, allen voran Finanzdirektor Gerald Düchs, die Caritas „maßgeblich unterstützt, um an dieser Stelle Wohnraum zu schaffen“. Die Caritas-Stiftung unterstützte das Projekt mit dem Ziel, Erfahrungen daraus auch anderen Trägern zur Verfügung zu stellen.
Christlicher Glaube und Herzlichkeit
Das Zusammenleben gehe über die Arbeit hinaus: „Die jungen indischen Auszubildenden leben ihren christlichen Glauben sehr aktiv und strahlen eine Herzlichkeit aus, die bei unseren Bewohnern und Mitarbeitenden wirklich ankommt.“ Zudem würden viele an ihren jeweiligen Wohnorten die Gottesdienste besuchen. „Vielfalt bereichert Kirche und Caritas“, fasst deshalb Sperrle die Vorteile zusammen.
Das bestätigt auch Christoph Gewinner, Gemeindereferent in der Pfarreiengemeinschaft Würzburg Ost: „Die jungen Menschen aus Indien bereichern das Leben der Gemeinde allein schon dadurch, dass sie hier im Kloster leben und die Räume mit Leben, Lebendigkeit und nicht zuletzt auch dem Duft nach indischem Essen füllen“, berichtet der Sozialarbeiter. Weil auf der Keesburg Pfarrbüro, Kloster und die von der Gemeinde genutzten Räume alle unter einem Dach sind, gebe es regelmäßige Gottesdienst-Besuche und Kontakte zu Gemeindemitgliedern.
Über Pfarrer Augustin Parambakathu ist neben den Auszubildenden auch eine Ordensgemeinschaft aus Indien nach Würzburg gekommen: die Visitation Sisters Of Don Bosco. Seit März 2025 arbeiten vier Schwestern im Caritas-Seniorenzentrum St. Thekla mit. Laut CEG-Geschäftsführer Sperrle kommen bis zum Jahr 2029 jedes Jahr zwei weitere Schwestern, so dass in Würzburg nach und nach ein eigener Konvent mit 14 Schwestern entsteht.
Ralf Ruppert


