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Offen sein für die Zweite Bekehrung

Bischof Dr. Franz Jung über die Zweite Bekehrung
Um Gottes Ruf zu hören, brauchen Menschen ein Gespür für die Verbindlichkeit des Glaubens. In dieser Hinsicht waren die Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan Vorbilder. Sie ließen sich von Gottes Ruf erfassen – was ihre Lebenswege veränderte.

„Hab Mut, steh auf, er ruft dich!“ So lautete nicht nur das Motto unseres Katholikentags, sondern auch unser Jahresmotto, das uns durch unsere diesjährige Kiliani-Woche begleitet. Die Aufforderung, dem Ruf zu folgen und dementsprechend mutig aufzustehen, ist kennzeichnend für jede Berufungsgeschichte. Wenn Gott ruft, muss der Mensch hinhören und im Idealfall dem Ruf auch Folge leisten.

Das gilt auch für unsere Frankenapostel. Wer mit ihrer Geschichte vertraut ist, weiß jedoch, dass Kilian und seine Gefährten schon Christen waren und damit den Ruf zur Umkehr bereits vernommen hatten. Mehr noch, sie waren nicht nur Christen, sondern sie lebten in Irland sogar zusammen im Kloster, dem der Heilige Kilian als Abt vorstand. Sie wollten ihrer Berufung durch die Verpflichtung auf das klösterliche Zusammenleben eine besondere Verbindlichkeit geben.

Kilian und seine Gefährten erfahren eine Zweite Bekehrung

Doch dann geschah etwas Ungewöhnliches. Trotz ihrer Bekehrung zu Christus vernahmen die Mönche noch einmal einen Ruf zur Umkehr. Ausschlaggebend dafür war ihrer Lebensbeschreibung nach das Wort Jesu: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lukas 9,23).

Auf dieses Wort hin reifte in ihnen der Entschluss, das Kloster zu verlassen, um in einer noch größeren Radikalität und Entschiedenheit Christus nachzufolgen. So verließen sie das sichere Kloster und ihre angestammte Insel, machten sich auf den Weg zum Festland, um dort das Evangelium zu verkünden und es mit ihrem Leben zu bezeugen. Sie hatten Mut, standen auf, und folgten dem Ruf des Herrn – ein zweites Mal.

Die Herausforderung der Zweiten Bekehrung

Was damals geschah, ist in der Geschichte der Kirche kein Einzelfall. Vielmehr kennt die christliche Spiritualität das Phänomen der Zweiten Bekehrung. Das heißt, dass Menschen nach einer ersten Zeit ihres Lebens als Christen spüren, dass ihr Glauben eine Vertiefung braucht, um wirklich echt zu sein und zu tragen. Ja, dass da noch mehr sein muss als nur das, was sie bislang schon geglaubt und gelebt haben. Die Zweite Bekehrung ist wie ein Durchbruch zu Christus selbst. Erst mit ihm im Herzen wird der Glaube fruchtbar für die Kirche und die Welt.

Kilian, Kolonat und Totnan haben eine solche Zweite Bekehrung in ihrem Leben erfahren. Ihre Zweite Bekehrung hat sie zu Missionaren gemacht, weil Christus in ihren Herzen lebendig war. Deshalb drängte es sie, den Glauben weiterzugeben. Das scheint mir überaus bedeutsam zu sein. Denn wenn ich heute auf die Kirche in unserem Land und in unserem Bistum schaue, dann überkommt mich oft der Eindruck, als wenn auch wir vor einer solchen Zweiten Bekehrung stünden, als wenn es auch für uns an der Zeit wäre, auf eine solche Zweite Bekehrung zu hoffen.

Das Wesen der Zweiten Bekehrung

Doch worin besteht das Wesen der Zweiten Bekehrung? Sie wird vorbereitet durch das Gefühl, seit Jahren auf der Stelle zu treten. Man meint, den Glauben zu kennen. Man hat sich angefreundet mit den religiösen und kirchlichen Vollzügen. Man kennt sich aus und weiß, wie alles geht. Aber insgeheim ist aus dem Schwung des Beginns längst Routine oder Pflicht geworden, die einen eher lähmt als wirklich lebendig ausschreiten lässt.

Und plötzlich steht man vor der Frage, ob jetzt noch etwas kommt oder nicht. Man kann diese Frage verdrängen, weil sie nervt, einen herausfordert, ja auch anstrengend ist, da man sich ja längst eingerichtet und arrangiert hat. Oder aber man entscheidet sich dafür, diese Frage zuzulassen. Dann wird es spannend. Denn dann muss man Räume schaffen, um noch einmal genau hinzuhören. Man muss den Mut haben, aufzustehen, um die vertrauten Abläufe zu unterbrechen. Denn erst so wird man den Ruf des Herrn neu hören lernen.

Der Zweiten Bekehrung Raum geben

Und genau darum wird es meines Erachtens gehen müssen in der kommenden Zeit. Mutig aufzustehen, um jenseits der Routinen und eingespielten Abläufe zu fragen, wohin der Herr uns jetzt ruft.

Das ist eine Anfrage an die Art, wie wir Gottesdienst feiern. Planen wir Zeiten der Stille ein, um wirklich hinhören zu lernen, was er uns sagt? Das ist eine Anfrage an unsere Pläne und strategischen Überlegungen. Sind sie nur Mängelverwaltung oder bieten sie Raum für echte Neuaufbrüche? Das ist eine Anfrage an unsere Sitzungskultur. Arbeiten wir nur unter Druck große Tagesordnungen ab, oder nehmen wir uns auch noch die Zeit, zu fragen, ob wir auch wirklich das Richtige tun? Das ist eine Anfrage an unser Auftreten in der Öffentlichkeit. Wollen wir nur die uns zugewiesenen Nischen bedienen, oder bringen wir uns mit dem Evangelium des Lebens ein in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen unserer Zeit?

Die Gnade der Zweiten Bekehrung

Die Zweite Bekehrung, da waren und sind sich alle geistlichen Lehrer einig, ist eine Gnade. Die kann man nicht machen. Aber man kann aufmerksam auf den Ruf hören, den der Herr an uns richtet. Man kann die innere Unruhe spüren. Man kann ahnen, dass jetzt eine nochmalige Vertiefung ansteht.

Wer dann den Ruf hört und mutig aufsteht, der wird in eine größere Tiefe und eine größere Freude am Glauben geführt. Der ist bereit, dem Herrn wirklich sein Herz zu schenken, ja wenn es sein muss, sogar sein Leben. Die Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan haben es uns vorgelebt. Sie begleiten uns auf unserem Weg und sagen uns zu: Habt Mut, steht auf, er ruft euch! Auch heute!

Bischof Dr. Franz Jung