Palästina, Israel, Syrien und die Türkei – das sind nur einige der Länder, die Josef Öhrlein bereist hat. In Europa habe er „so ungefähr alles besucht“. Der 85-Jährige liebt das Reisen. Menschen anderer Kulturen zu begegnen, ist ein wichtiger Teil seines Lebens. „Es gibt nur einen Gott und die Menschen verehren ihn unter verschiedenen Namen und Formen“, erläutert der seit 2004 pensionierte Priester, der Freundschaften über (Landes-)grenzen hinweg pflegt.
Von 1960 bis 1966 studierte Öhrlein in Würzburg und Bonn Theologie und Philosophie. Vor 60 Jahren, am 29. Juni 1966, weihte ihn Bischof Josef Stangl zum Priester. Dieses Jahr feiert Öhrlein somit sein Diamantenes Priesterjubiläum. Für das Weiheamt würde der gebürtige Retzbacher sich immer wieder entscheiden. Eine Leidenschaft hat er in der Pilger- und Tourismusseelsorge gefunden.
Doch auch in seiner fränkischen Heimat prägte er über Jahrzehnte das kirchliche und schulische Leben. Von Juli 1966 bis August 1970 war er in Mainaschaff und Schweinfurt-Sankt Josef als Kaplan tätig. Später arbeitete er acht Jahre lang als Religionslehrer an der staatlichen Realschule in Bad Neustadt. 26 Jahre lang unterrichtete er an der Würzburger Sankt-Ursula-Schule.
Brise für die Bronchien
Seit 1981 reist er jedes Jahr zu der nordfriesischen Insel Sylt, um dort als Gastpriester auszuhelfen – damals zweimal, mittlerweile einmal jährlich. Seit nunmehr 45 Jahren hat er kein einziges Jahr ausgelassen. Auf Sylt trifft er Menschen aus aller Welt. Bekannt ist die nördlichste deutsche Insel vor allem durch ihre Kurorte und einen zirka 40 Kilometer langen Weststrand. Dank der Nordsee ist es dort mild und oft windig. Die klare Luft ist auch ein Grund, warum es Öhrlein regelmäßig dorthin zieht: „Ich habe mit den Bronchien immer ein wenig Probleme gehabt. Und die Luft hilft immer.“
Bei seinen Aufenthalten als Gastpriester und Tourismusseelsorger ist er beispielsweise für Gottesdienste und Predigten, Taufen und Beichten zuständig. Jeder Tag fordert ihn unterschiedlich. Manchmal ist alles „ganz normal“, erklärt Öhrlein. Er besuche den Strand und habe vielleicht noch eine abendliche Messe. Doch Öhrlein kennt nicht nur die Sonnenseite Sylts. „Es gab schon solche überraschenden Vorfälle“, sagt er. Einer davon hat sich tief in ihn eingeprägt: Ein Vater aus Polen besuchte seinen Sohn, der auf Sylt eine kleine Firma hatte und dort lebte. Er kam regelmäßig auf die Insel. Als der Vater eines Tages mit dem Moped unterwegs war, geschah eine Tragödie: Eine ältere Frau bog mit ihrem Auto aus einer Garage heraus und übersah ihn, woraufhin er tödlich verunglückte. Die polnische Familie bat Öhrlein, sie zum Leichenhaus zu begleiten und gemeinsam mit ihnen zu beten.
„Jeder ist prominent.“
Auf der Insel sei das Bedürfnis der Menschen nach Gesprächen deutlich größer und sie würden offener mit ihm sprechen. Dafür führt der erfahrene Priester zwei Gründe an. Erstens: Die Leute stecken nicht in ihrem Alltag fest. Im Urlaub kommen sie zum Nachdenken. Zweitens: Die Gläubigen sind weit weg von ihrer gewohnten Umgebung: „Es gibt keine Rückkopplung und keine Sozialkontrolle“, erläutert Öhrlein, denn weder er, der Priester, noch andere Menschen kennen sie.
Bei seiner Arbeit als Gastpriester auf Sylt sei er sogar prominenten Persönlichkeiten begegnet. Bereits Günther Jauch und Johannes B. Kerner nahmen bei ihm auf der Kirchenbank Platz, ebenso einige Bischöfe. „Wer ist prominent?“, sinniert Öhrlein und beantwortet seine Frage im Anschluss direkt selbst: „Jeder ist prominent. Menschen müssen spüren, dass jeder – ganz egal, was er macht oder wer er ist – in gleicher Weise respektiert und geachtet wird.“
Stille und Besinnung
Öhrlein lebt in Würzburg. Ein Stück Sylt bringt er mit nach Unterfranken, wenn es um die eigene Lebensgestaltung geht. Denn heutzutage gestattet er sich selbst die Freiheit, seinen Tagesrhythmus so zu gestalten, wie es ihm persönlich guttut. Zu Beginn seiner Berufslaufbahn kamen stärker „erlebnisreiche“ Aufgaben auf ihn zu – etwa in der Jugendarbeit: Von 1967 bis zum Sommer 1970 baute Öhrlein in Schweinfurt unter zwei Pfarrern ein Pfarrzentrum mit auf. Er wirkte unter anderem bei der Planung und Finanzierung mit, führte im Rahmen von Genehmigungsverfahren Gespräche mit der Stadt und der Diözese und engagierte sich im Bauausschuss der Pfarrei. Die vielen Aufgaben forderten ihn und machten ihm zugleich viel Spaß.
Seit der Pensionierung vor 22 Jahren habe der zeitliche Druck von damals nachgelassen. Heute gebe es vermehrt Phasen der Stille und der Besinnung. „Das Hören, das hörende Lesen, das Beten der Psalmen und anderer Texte ist jetzt sehr viel wichtiger geworden“, erläutert Öhrlein. Einige seiner Lieblingsbücher stehen im Flur zwischen hunderten anderen in einem deckenhohen Regal. Im Wohnzimmer zieren Ikonen aus verschiedenen Ländern die Wände, und rund um das Sofa haben christliche Figuren ihren Platz gefunden.
Mitte Oktober wird der Priester wieder drei Wochen auf Sylt verbringen. Sonntags sei die St. Christophorus-Kirche in Westerland – einer Stadt an der Westküste der Nordseeinsel – voll. Viele Familien mit Kindern besuchen die Messe, erzählt Öhrlein: „Gottesdienst feiern auf Sylt macht Freude.“
Sarah Baus

