Monika Soder (78) erinnert sich. In ihrer Kindheit und Jugend war der Zweite Weltkrieg in ihrer Familie sehr präsent: „Mein Vater hat in Frankreich in der Normandie einen Bauchschuss erlitten. Er musste mit einem Pferdefuhrwerk in ein Lazarett gebracht und operiert werden. Unter den Nachwirkungen dieser Kriegsverletzung hat er ein Leben lang gelitten.“ Zeitlebens trug er eine riesige Narbe am Bauch mit sich herum. Außerdem ließ damals in Würzburg noch manches zerstörte Gebäude an die Katastrophe des Weltkriegs denken.
Elisabeth Nikolai (77) verlor beim großen Luftangriff auf die Stadt am 16. März 1945 eine Großmutter. Daher war der 16. März in ihrer Familie stets ein stiller Tag. „Wir hatten eine Kerze im Fenster und haben das Massengrab am Hauptfriedhof besucht.“ Wie Monika Soder wuchs Nikolai mit den unmittelbaren Auswirkungen des Krieges auf. Heute engagieren sich die beiden Frauen für das Versöhnungswerk der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft.
Gemeinsames Anliegen
Wer dieser Gemeinschaft beitritt, erhält vom Versöhnungszentrum in der britischen Stadt Coventry ein aus drei Nägeln gefertigtes Kreuz. Es erinnert an den Krieg und die Notwendigkeit menschlicher Versöhnung. Vor 25 Jahren, am 16. März 2001, trat Würzburg der Gemeinschaft bei. Die Stadt wurde das 33. Ökumenische Nagelkreuzzentrum in Deutschland. Zeitgleich gründete sich die Ökumenische Nagelkreuzinitiative für Frieden und Versöhnung in Würzburg. Nikolai war als Mitglied eines Gebetskreises schon bei der Gründung dabei. Soder kam vor einigen Jahren über ihren Mann, den früheren Bistumshistoriker Erik Soder von Güldenstubbe, dazu. Mit den evangelischen Pfarrerinnen Antje Biller und Margarete Allolio bilden die beiden Katholikinnen den Leitungskreis des Nagelkreuzzentrums.
Die Initiative hat derzeit rund 30 Mitglieder. „Wir sind überwiegend Laien, die dem Gedanken der Versöhnung nahestehen und diesen Gedanken weitertragen“, sagt Nikolai. Soder hebt positiv hervor: „Ich komme mit vielfältigen Menschen zusammen, für die Friedensarbeit ganz wichtig ist.“
Das Nagelkreuz ist das zentrale Symbol der Gemeinschaft. Deutsche Luftangriffe hatten am 14. und 15. November 1940 die historische Kathedrale in der mittelenglischen Stadt Coventry zerstört. Drei Nägel, aus den Trümmern geborgen, machten die Kathedrale weltweit bekannt. Dompropst Richard Howard ließ aus diesen Nägeln ein Kreuz fertigen und begann bald danach, dieses charakteristische Kreuz zum Gedenken zu vergeben. 1947 erhielt Kiel als erste deutsche Stadt ein Nagelkreuz. Würzburg folgte am 56. Jahrestag seiner Zerstörung. Der aus Coventry angereiste Vertreter der Nagelkreuzgemeinschaft, Canon Andrew White, überreichte damals Bürgermeister Dr. Adolf Bauer das Versöhnungssymbol. Zudem erhielt die örtliche Nagelkreuzinitiative ein Wandernagelkreuz. Dieses wird seit 25 Jahren jedes Jahr am 16. März einem Stadtteil, einer Kirchengemeinde oder anderen Organisation für ein Jahr überlassen. Vertreter der Kirchen, der Stadt und Mitglieder der Initiative begleiten das Wandernagelkreuz jeweils auf dem Weg zu seinem neuen Standort.
2026 führte dieser „Weg der Versöhnung“ zu Einrichtungen des Diakonischen Werks Würzburg. Das Team der Diakonie lässt das Nagelkreuz bis zum kommenden Jahr durch seine Einrichtungen für Jugendliche und Senioren sowie Beratungsstellen wandern.
Kreuz auf Wanderschaft
Elisabeth Nikolai und Monika Soder bereiten den jährlichen „Weg der Versöhnung“ und die Übergabe des Wandernagelkreuzes vor. Außerdem laden sie zum wöchentlichen Friedensgebet am Freitag um 13 Uhr in die Würzburger Marienkapelle ein. Weltweit beten die Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft am Freitag das Versöhnungsgebet von Coventry mit dem siebenmaligen Ruf „Vater, vergib.“
Daneben hat die Gemeinschaft auch eine Versöhnungsskulptur. Sie zeigt zwei kniende, sich umarmende Menschen. Diese Skulptur wird seit 2013 mit dem Wandernagelkreuz übergeben, um auch Menschen anzusprechen, die sich nicht zum Christentum bekennen.
Nikolai und Soder weisen darauf hin, dass diese Friedensarbeit vor 25 Jahren maßgeblich von zwei evangelischen Christen in Würzburg angestoßen und vorangetrieben wurde – der Ehrenamtlichen Johanna Falk und Pfarrer Claus Deininger. Dank Falks Vernetzung innerhalb der Gemeinschaft lässt das Versöhnungszentrum in Coventry seit 2003 alle weltweit verliehenen Nagelkreuze in der Schlosserei der Justizvollzugsanstalt Würzburg fertigen.
Die Schrecken des Weltkriegs liegen nun über 80 Jahre zurück. „Aber wir haben eine Welt voller Krieg und viele Menschen haben Angst wegen dieser Kriege“, bemerkt Soder. Sie und Nikolai sind sich einig: Glaube, Gebet und Versöhnungsarbeit sind auch gegenwärtig aktuell.
Ulrich Bausewein
Zum Jubiläum des Ökumenischen Nagelkreuzzentrums ist für Samstag, 13. Juni, um 10 Uhr eine Stadtführung zu ausgewählten Sehenswürdigkeiten geplant. Treffpunkt ist am Burkardushaus, Am Bruderhof 1. Um 15 Uhr folgt im Matthias-Ehrenfried-Haus, Bahnhofstraße 4–6, ein Vortrag mit Diskussion zum Thema „Jetzt ist nie wieder: Einstehen für Versöhnung“. Der Jubiläumsfestakt (Anmeldung bis zum 6. Juni bitte per E-Mail an juergen.reichel@elkb.de) ist für 18 Uhr im Wenzelsaal des Rathauses angesetzt. Für Sonntag, 14. Juni,10 Uhr, lädt die Nagelkreuzinitiative zum ökumenischen Festgottesdienst in die St.-Johannis-Kirche, Rennweger Ring 1, ein.

