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Ein Teddy als Fürsprecher

Ikonen auf Munitionskisten
Ukrainische Künstler schreiben Ikonen und versuchen so, den Krieg im Land zu ertragen. Ihre zum Teil ungewöhnlichen Motive tragen sie auf ausgediente Munitionskisten auf.

Die Einschläge von Raketen und Drohnen muss ein Mensch erst einmal aushalten. Der Lärm in den Ohren trifft auf das Wissen im Kopf, dass andere jetzt gerade ihren Besitz verlieren, verletzt oder getötet werden. Und dass einen dasselbe Schicksal ereilen kann. Über solche extremen Grenzerfahrungen spricht die Künstlerin Sonia Atlantova sehr sachlich. „Nach einer Nacht mit Beschuss, wenn man von Müdigkeit und Wut beherrscht wird, ist es wichtig, sich zu sammeln“, stellt sie nüchtern fest.

Atlantova, 45 Jahre alt, hat ihren eigenen Weg gefunden, sich zu sammeln. In ihrer Werkstatt in Kiew stellt sie mit ihrem Mann Oleksandr Klymenko (49) und ihrem Sohn Herman (26) Ikonen her. Sorgfältig drücken die Künstler ihre Pinselspitzen auf Holz und lassen in mehrtägiger Arbeit religiöse Bilder entstehen. So ist es in einem Video zu sehen, das Atlantova beim Katholikentag im Würzburger Burkardushaus vor Publikum vorführte. Einige ihrer Ikonen waren zu diesem Zeitpunkt in der Marienkapelle in Würzburg ausgestellt. Sie erinnerten Besucherinnen und Besucher an den Krieg in der Ukraine – einen Krieg, den Atlantova ständig als Last mit sich herumträgt.

In Heiliges verwandelt

Atlantovas Ikonen entstehen nicht auf weißem Hintergrund. So entspräche es der klassischen Ikonenkunst. Ihre Ikonen sind auf dunklem Holz geschrieben – dem Holz ausgedienter Munitionskisten. Mit Farben und Pinseln verwandeln Atlantova und ihre Angehörigen Kriegsmaterial in etwas Heiliges. Die Idee dazu hatte ihr Mann, wie die Künstlerin ihrem Zuhörerkreis in Würzburg erzählt. Ihm war beim Besuch eines Freundes an der Front aufgefallen, dass sich das Holz der Munitionskisten als Grundlage für Ikonen eignen würde. Seine Frau hielt die Idee für absurd und lieferte sich harte Diskussionen mit ihrem Mann. Letztlich konnte Oleksandr Sonia überzeugen. Er argumentierte, auch das Marterwerkzeug Kreuz sei im Christentum zum Symbol für Leben und Erlösung geworden.

2014 begann das Ehepaar mit dem Schreiben dieser besonderen Ikonen. Ihre erste Ausstellung hatten sie in der Sophienkathedrale in Kiew, einem nationalen Wahrzeichen der Ukraine. Das Projekt bekam eine Menge Aufmerksamkeit, mehr als Atlantova nach eigenen Worten erwartet hatte. Vielleicht weil ihre Ikonen wie eine passende Antwort auf den Krieg wirkten. Ab 2014 kämpften Russen und Ukrainer erbittert um die Ostukraine, 2022 weitete Russland seine Angriffe auf das gesamte Land aus. Die Ikonen führen die Realität des Krieges vor Augen, weil ihr Material aus Militärbeständen stammt. Doch die religiösen Bilder verheißen auch Gottes Gegenwart und die Erlösung von Leid und Schmerz.

Unschuldige Fürsprecher

Atlantova und ihre Angehörigen fühlen besonders mit den Kindern, die verletzt, getötet oder von russischen Kämpfern aus der Ukraine verschleppt wurden. „Heute sind sie Kinder, in zehn Jahren werden sie in der russischen Armee kämpfen“, prophezeit Atlantova. Fünf Darstellungen aus ihrer Werkstatt sind diesen entführten Kindern gewidmet. Auf drei Ikonen sind Jesus, die Gottesmutter Maria und der heilige Nikolaus abgebildet. Zwei kleinere Tafeln zeigen einen Teddybär und eine Puppe. Mit erhobenen Armen wenden sie sich dem guten Hirten Jesus zu. Sie sind keine Heiligen, aber unschuldige Fürsprecher.

Schon bei der ersten Ikonenausstellung 2014 gab es Kaufangebote von Kirchenbesuchern. Daher gingen Sonia und Oleksandr dazu über, Ikonen zu verkaufen oder als Auftragsarbeiten zu schreiben. Das eingenommene Geld fließt in medizinische Projekte, die Menschen das Überleben ermöglichen. In der Region um die Stadt Cherson wird damit zum Beispiel ein Krankentransportdienst unterstützt, an dem die örtlichen Dominikaner beteiligt sind. Mit ihrer Ikonenkunst stießen die Künstler international auf Interesse. Ihre Werke waren bereits an über 100 Orten in Afrika, Europa und Nordamerika zu sehen. Der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj überreichte Papst Leo XIV. eine der Ikonen als Geschenk.

Manche Ikonen der Künstler aus Kiew sind mit den Namen Gefallener beschrieben. Damit knüpfen sie an eine alte ostkirchliche Tradition an. Ein Mensch, dessen Name auf einer Ikone vermerkt ist, wird besonders der liebenden Zuwendung Gottes empfohlen. Für ihre Arbeit am Projekt „Ikonen auf Munitionskisten“ haben Sonia Atlantova und ihr Mann den Verdienst­orden der Ukraine Dritter Klasse erhalten. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass dieses Projekt bald zu Ende gehen könnte.

Ulrich Bausewein

Mehr Informationen zum Projektin deutscher Sprache finden sich onlineunter www.icons-ammo-boxes.eu/de.