Evi Gerhard ist Aktivistin. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, Maximalforderungen zu stellen. „Barrierefreiheit ist unverzichtbar: in Vortragsräumen, in Toiletten, online“, sagt sie. „Ich erwarte, dass 80 Prozent der Veranstaltungen beim Katholikentag barrierefrei sind: erreichbar mit dem Rollstuhl, nachzuverfolgen für Seh- und Hörbehinderte und für Personen, die Ruheräume benötigen oder eine Übersetzung in leichte Sprache.“
Hannah Aldenborg stellt sich den Maximalforderungen. Sie ist im Katholikentagsbüro für Barrierefreiheit zuständig. Aldenborg vermittelt zwischen den Ansprüchen von Personen mit Einschränkungen und den Möglichkeiten der Veranstalter. Eine barrierefreie Großveranstaltung über fünf Tage wird auch sie nicht gestalten können. „Aber wir versuchen, für alles eine Lösung zu finden“, verspricht sie, „und vor allem kommunizieren wir offen, was wir tun können und was nicht.“
Barrierefreiheit bedingt Teilhabe aller
Evi Gerhard hat Aldenborg samt Kolleginnen und Kollegen regelmäßig Rückmeldung gegeben zu Barrieren in der Stadt und im Katholikentagsprogramm. „Teilhabe heißt, trotz Einschränkungen an Aktivitäten aller Art teilnehmen zu können“, erklärt sie. „Barrierefreiheit ist die technische, bauliche Voraussetzung dafür.“
Deshalb hat sie auf Hürden aufmerksam gemacht, die ihr eine Teilnahme am Katholikentag erschweren: die nur durch einen barrierefreien Eingang an der Talavera erreichbare, unübersichtliche Kirchenmeile; klein gedruckte Symbole im Katholikentags-Programm; hohe Eintrittspreise; wenige online verfolgbare Veranstaltungen, Gebärdendolmetscher und barrierefreie Toiletten. „Und komme ich zu einer interessanten Veranstaltung im 3. Obergeschoss des Siebold-Gymnasiums?“
Fragen wie diese landen früher oder später bei Hannah Aldenborg – auch über einen Online-Fragebogen, bei dem etwa 200 Gäste des Katholikentags Angaben zum eigenen Unterstützungsbedarf gemacht haben. In den Wochen vor der Veranstaltung ist Aldenborg nun damit beschäftigt, die barrierefreie Unterbringung, An- und Abreise von Gästen zu organisieren, Sitzplatzkarten für die zentralen Veranstaltungen zu verschicken, die Beschilderung für die Veranstaltungsorte vorzubereiten, Gebärdendolmetscher einzuteilen sowie die Personen einzuarbeiten, die vor Ort ansprechbar sind.
Gespräche mit den lokalen Experten
Fragen zur Barrierefreiheit fallen auch auf die gastgebende Stadt zurück. In Würzburg kam deshalb der Beirat „Katholikentag barrierefrei“ seit Oktober 2025 monatlich zusammen, er bestand aus etwa zehn Personen aus der Würzburger Zivilgesellschaft und Verwaltung, mit und ohne Behinderung. Auch soziale Barrieren kamen hier zur Sprache: Denn trotz öffentlicher Förderung kostet eine Dauerkarte fürs Großevent 135 Euro, ein Tagesticket 39 Euro. Für viele ist das zu teuer. „Im Gegenzug kann alles, was draußen passiert, kostenlos besucht werden; dazu alle Gottesdienste und Livestreams. Ein gutes Basisangebot“, sagt Hannah Aldenborg.
Gespräche gab es auch mit dem Behindertenbeirat der Stadt und dem kommunalen Beauftragten Julian Wendel. Der lobt die „offene, engagierte, zielorientierte Netzwerkarbeit“. Nach Wendels Ansicht nehmen die christlichen Kirchen hierzulande eine Vorreiterfunktion in Sachen Inklusion ein. „Zwei Beispiele: Selbst alte, kleine Kirchen auf dem Land sind meist barrierefrei betretbar. Bei den Ministranten, in Jugendarbeit und Kinderkirche werden Gleichberechtigung, Teilhabe und Behinderung selbstverständlich thematisiert.“
Doch nütze das nichts, wenn es beim Katholikentag darum gehe, akute Bedürfnisse aller Besucher bei allen Veranstaltungen in allen Gebäuden zu erfüllen. „Das ist schlichtweg nicht möglich“, sagt Wendel. Die größtmögliche Barrierefreiheit sei nur mit deutlich mehr Geld, Personal und zeitlichem Vorlauf zu erreichen.
Ihren Ruf nach Barrierefreiheit wird Evi Gerhard auf dem Katholikentag wiederholen. Zum Motto „Ist es lohnend, Mut zu haben? Am Rand der Gesellschaft oder mit Mut mittendrin“ diskutiert sie dann mit Würzburgs ehemaligem Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Jürgen Dusel, dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.
Keine Angst vor großen Namen
Angst vor großen Namen kennt Evi Gerhard nicht. Sie weiß: „Ich habe genug Verbündete und brauche nur den letzten Funken Mut, um tatsächlich auf die Bühne zu gehen.“ Erzählen wird sie dann auch von den vielen Gesprächen, die nötig waren, bis sie ihren Platz in der Runde zum Thema Inklusion sicher hatte – und bis das Podium, neben der barrierefreien Erreichbarkeit für sie selbst, ergänzt war um Livestream und Gebärdensprach-Dolmetschung für das Publikum.
Alle Schwierigkeiten dokumentieren
Für den Verlauf des Großevents hat sich Gerhard viel vorgenommen. Wenn alle Fahrdienste organisiert sind („in die überfüllte Straßenbahn traue ich mich während des Katholikentags nicht“), möchte sie dokumentieren, was ihr vor Ort Schwierigkeiten bereitet. Helfende Hände seien dabei herzlich willkommen. Währenddessen wird Hannah Aldenborg im Hintergrund Unterstützung vermitteln, wo sie nötig ist. „Niemand darf vor verschlossenen Türen stehen und ohne Hilfe bleiben“, sagt sie. Auch sie wird die Barrieren dokumentieren, damit sie beim Katholikentag 2028 verschwinden. Dafür wird sie die Impulse von Evi Gerhard dankbar annehmen.
Sebastian Haas
Barrieren vor Ort?
Wer vor und beim Katholikentag Fragen zur Barrierefreiheit hat, einen Begleit- oder Fahrdienstbenötigt, kann sich an die Service-Hotline wenden: Telefon 0931 870 93 002.
Am Würzburger Hauptbahnhof öffnet in Zusammenarbeit mit der Bahnhofsmission ein Infostand,an dem entsprechende Anliegen bearbeitet werden. Natürlich sind auch die Mitarbeitenden weiterer Servicepunkte ansprechbar.
Das Podium mit Evi Gerhard wird vom Caritasverband für die Diözese Würzburg vorbereitet und findet am Donnerstag um 14 Uhr im Congress Centrum statt, auch im Livestream. Zudem hält sie den Workshop „Teilhabe schafft Vertrauen – mitmachen fördert Demokratie“ mit Stefan Lutz-Simon (Jugendbildungsstätte Unterfranken) am Samstag um 11 Uhr in der Demokratiekirche (Marienkapelle).

